
Sieben Prinzipien zählt die Huna-Lehre, und keines davon heißt Auftanken. Trotzdem habe ich das Mana-Konzept der hawaiianischen Philosophie lange genau so gelesen: als Akku, den ich mit ein bisschen Meditation an die Steckdose hänge, damit die Energie im Alltag wieder reicht. Aus meiner spirituellen Ausbildung nehme ich das Gegenteil mit. Mana lädt mich nicht auf, sondern zeigt mir, wohin meine Kraft eigentlich fließt, und ob ich sie dort lassen will.
Der Irrtum vom Akku
Der Irrtum klingt harmlos: Energie ist eine Menge, die man verbraucht und wieder auffüllt, und wer mehr meditiert, hat am Ende mehr davon. Das Wort Energie verführt dazu. Mana bedeutet Lebenskraft, aber auch spirituelle Autorität, eine Kraft, die durch alles fließt, auch durch mich. Ein Speicher, aus dem ich mir nehme, wenn ich ihn nur richtig anzapfe, ist das nicht.
In den Sitzungen des Online-Programms setzt sich ein anderes Bild fest: Mana verhält sich fast wie eine soziale Währung. Es wächst durch gute Taten und durch Verbindung, und es fließt ab, wenn ich mich nicht abgrenze. Für eine Floristin, die den ganzen Tag gibt, ist das ein unbequemer Satz. Ich binde Kränze für Fremde, höre Stammkunden zu, halte Geschichten aus, die nicht meine sind.
Jeden Sonntag habe ich mir früher einen Strauß gebunden, nur für mich, als kleines Ritual. Für den Moment hat es geholfen: Die Hände werden ruhig, wenn ich Stiele anschneide und Blüten sortiere. Über den Sonntagabend hinaus hat es nicht getragen. Genau das ist der Hinweis, dass Nachfüllen das falsche Bild ist.
Was Mana für Energie im Alltag wirklich bedeutet
Im Wort Aloha steckt mehr, als ich dachte. Alo steht für Anwesenheit, ha für den Atem des Lebens, und wer Aloha ernst nimmt, lenkt den Atem bewusst, um Mana zu sammeln. Für mich klingt das zuerst nach einer dieser Übungen, die man macht und wieder vergisst, sobald der Ladenalltag dazwischenkommt.
Dann steht diese eine Bestellung an, ein schwieriges Gesteck mit Moos und Anemonen, und der Kunde weiß genau, was er nicht will, aber nicht, was er will. Ich atme das Ha ein und stelle mir vor, wie Mana nicht nur in mich hineinfließt, sondern durch meine Hände in die Pflanzen. In den Handflächen kribbelt es beim Binden.

Mina, die am Wochenende im Laden aushilft, sieht mir dabei zu und fragt, während sie Eukalyptus entblättert: „Woher weißt du, dass das Mana ist und nicht einfach Einbildung?" Eine berechtigte Frage. Eine Antwort, die man nachmessen könnte, habe ich nicht. Was ich habe, ist die Beobachtung, dass ich an solchen Tagen ruhiger binde und öfter einen Schritt zurücktrete.
Meine Regel daraus: Ich zähle nicht das Kribbeln, ich zähle, was danach übrig ist. Wenn ein Gespräch, eine Bestellung oder ein Ritual mich leerer zurücklässt als vorher, ist es Verbrauch gewesen, kein Zuwachs, egal wie schön es aussah.
Grenzen setzen, bevor das Gespräch beginnt
Auf dem Bremer Blumengroßmarkt in Mahndorf passiert es mir am deutlichsten. Ein Händler erzählt mir am Stand von seinen Sorgen, und ich nicke, frage nach, nicke wieder. Die Ranunkeln stehen längst im Wagen, doch ich stehe noch da und gebe. Am Auto merke ich, dass nichts mehr in mir übrig ist, obwohl das Gespräch nett gewesen ist, mein Mana ist trotzdem weg.
Romy, Floristin wie ich und in Oldenburg zu Hause, sagt am Telefon ohne Umschweife: „Du klingst, als hättest du seit Tagen nur ausgegeben." Sie sagt es ohne Kälte, deshalb kommt es an. Abgrenzen heißt nicht, dem Händler die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Ich sage früher, wie viel Zeit ich habe, und bleibe dann bei mir. Es ist kein egoistisches Horten, sondern eine Form von Selbstfürsorge, die ich erst lerne.
Einmal im Monat fahre ich 25 Kilometer zum Frauenkreis. Wir sitzen dort, trommeln und reisen. Beim letzten Treffen geht es darum, wie wir Mana in Alltagsgegenständen speichern können, und ich denke sofort an meine Scheren und Messer im Laden. Wenn ich sie morgens in die Hand nehme, ist das ein anderer Moment als früher.
Wie das Pono Prinzip der Huna Lehre meinen inneren Frieden stärkt, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben. Hier zählt der Alltagsteil: Wenn ein Strauß nicht gelingen will oder die Lieferung zu spät kommt, atme ich einmal durch und trete einen Schritt zurück. Ich schaue, ob die Kraft im Strauß stimmt, und binde mit Pausen weiter. Keine Heilerin, keine Energiearbeiterin, nur Helene, die versucht, nicht unterzugehen.
Und wenn gar nichts kommt?
Diese Woche kommt nichts. Ich setze mich auf den Teppich, die Trommel-CD läuft, ich will mein Krafttier um Rat fragen, weil die Trauer um meine Mutter Ingrid heute schwer ist. In mir ist nur Rauschen. Kein Bild, kein Gefühl, kalte Füße und der Gedanke an die unbezahlte Stromrechnung des Ladens. Nach zehn Minuten breche ich ab.
Fortschritt fühlt sich anders an, und ich tue nicht so, als wäre es einer. Früher hätte ich mich dafür verurteilt. Jetzt lese ich es so: Mein Mana ist an diesem Abend zu niedrig, ich kann nichts geben, weil nichts da ist.
Als ich die Trommel weglege, liegt Zwetschge auf dem Fensterbrett, und ich taste innerlich nach dem Loch, das seit Ingrids Tod da ist und finde nur die Katze, klein und warm und ganz da. Ob das etwas bedeutet, weiß ich nicht. In solchen Momenten hilft mir das, was meine alte Katze mir über das Loslassen und den Moment beibringt. Sie akzeptiert einfach, dass heute ein Schlaftag ist. Also lege ich mich zu ihr.
Bleibt das Rauschen nicht bei einem Abend, sondern zieht sich durch die Tage, ist das keine Frage von Mana mehr. Dann gehört es zu meinem Hausarzt.
Eine Hibiskusblüte zwischen den Seiten
Am Sonntagabend schreibe ich in mein Moleskine. Am letzten Sonntag liegt eine Hibiskusblüte zwischen den Seiten. Sie braucht ihre Zeit zum Trocknen, bis sie als flache, papierene Erinnerung bleibt, und niemand beschleunigt das. Für mich steht der Hibiskus für dieses hawaiianische Gefühl, für die flüchtige Schönheit und die Kraft, die darin liegt.
Mana ist für mich ein Versprechen an mich selbst: Ich muss nicht die ganze Welt retten und nicht jeden Tag vor Energie strotzen. Es reicht, die Kraft, die da ist, bewusst einzusetzen und nachzusehen, was nach einem Gespräch, einer Bestellung oder einem Ritual übrig bleibt. Ob daraus irgendwann Heilung wird, weiß ich nicht. Ich spüre nur, dass sich etwas bewegt, langsam, wie eine Pflanze, die nach einem langen Winter zum ersten Mal wieder in der Sonne steht.
Braucht deine Kraft mehr als ein paar Atemübungen oder einen Sonntagsstrauß, sprich bitte mit deinem Hausarzt oder suche eine approbierte Psychotherapeutin auf. Ein Online-Programm ersetzt keine fachliche Hilfe, und Mana ersetzt sie auch nicht. Professionelle Unterstützung zu suchen ist oft der mutigste Schritt.
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