
Ich schiebe die Jalousien im Laden im Bremer Viertel hoch, und das Licht fällt quer über die Kupfereimer neben dem Eingang – für einen Atemzug sieht der ganze Raum aus wie frisch poliert, obwohl nur Licht und altes Kupfer im Spiel sind. Solche Sekunden sind der Grund, warum mich in letzter Zeit kaum etwas anderes beschäftigt als die Frage, wie man Symbole in der Natur überhaupt erkennt, mitten in dieser eigenartigen spirituellen Praxis, die sich langsam in meine Trauerbewältigung mischt – dieses leise Zwinkern der Welt, das die einen ernst nehmen und die anderen für Zufall halten.
Gefragt werde ich das oft, in E-Mails, am Bindetisch, manchmal einfach von mir selbst mitten in der Nacht: Wie unterscheidet man ein echtes Zeichen von reinem Wunschdenken? Meine Antwort ist unspektakulärer, als die Frage klingt. Ein Zeichen wird für mich erst zu einem Symbol, wenn zwei Dinge gleichzeitig da sind – eine Form, die draußen wiederkehrt, und eine Frage, die drinnen offen ist. Fehlt eins von beidem, bleibt es Vegetation, so schön sie auch sein mag.
Woran erkenne ich Zeichen in der Natur wirklich?
Im Kurs sprechen wir ständig davon, dass die Natur nicht in Sätzen redet, sondern in Bildern, und dass alles um uns beseelt ist und uns etwas zurückspiegeln kann, wenn wir bereit sind, hinzusehen. Am Bindetisch, mit noch nassen Händen vom Wasserwechsel in den Eimern, versuche ich neuerdings, Pflanzen einfach nur sein zu lassen, statt sie sofort zu binden und haltbar zu machen. Einmal habe ich mitten am Nachmittag versucht, eine schamanische Reise zu einer einzelnen Anemone zu machen, die vor mir auf dem Tisch lag – in der schamanischen Arbeit steht sie oft für Klarheit oder Übergang. Gekommen ist nichts. Nur Stille am Bindetisch, dann die Messingglocke, die für einmal ruhig blieb.
Dabei ist ausgerechnet die Kühlzelle der Ort, an dem sich für mich am ehesten so etwas wie ein Zeichen zeigt, ganz ohne dass ich danach suche. Hinter der beschlagenen Glastür hängt manchmal dieser schwach süßliche Hauch in der Luft, wenn die Lilien sich öffnen, kaum wahrnehmbar, aber sofort vermisst, wenn er einmal fehlt. Das kommt nie auf Bestellung, und genau deshalb traue ich ihm mehr als jeder erzwungenen Reise am Bindetisch.
Später, beim Aufräumen, wurde mir der Unterschied klar: Die Anemone war kein Bild, das zu mir sprach, sie war nur eine Blume, die ich zu sehr reden hören wollte. Ein echtes Zeichen kommt selten auf Bestellung, schon gar nicht zwischen Kundschaft und Lieferschein am helllichten Nachmittag.

Die Gefahr, nur das zu sehen, was ich sehen will
Hier zeige ich lieber die unschöne Seite: Die Suche nach Symbolen in der Natur kann leicht zur Projektion werden. Wenn ich verzweifelt bin, sieht jedes herabfallende Blatt aus wie eine Nachricht von Ingrid. Ist es das wirklich, oder maskiere ich damit nur die Unfähigkeit, den Schmerz auszuhalten? Die Signaturenlehre behauptet, das Äußere einer Pflanze verrate ihre Heilkraft – eine walnussgroße Frucht für das Gehirn, herzförmige Blätter für das Blut. Im Schamanismus soll das noch tiefer gehen, aber gerade das macht die Versuchung größer, sich etwas einzureden, nur weil man es gerade dringend braucht.
Bevor ich überhaupt am Osterdeich nach Zeichen gesucht habe, habe ich es anders versucht. Meiner Schwester habe ich einmal in einem einzigen langen Telefonat alles erzählt, was ich fühlte, jede Kleinigkeit, jede Schicht der Trauer, bis nichts mehr übrig war, was ich hätte sagen können. Am Ende war ich leer und sie vermutlich auch, und wochenlang habe ich danach nicht mehr zum Hörer gegriffen, nicht aus Streit, sondern weil das Erzählen selbst nichts verschoben hatte. Das war meine erste Lektion in Sachen Projektion: Reden allein schafft aus Gefühlen noch keine Ordnung, genauso wenig wie das Anstarren eines Blattes.
Manchmal ist so ein Blatt auch nur ein Spiegel für Schattenarbeit, für das, was ich lieber nicht direkt anschauen würde, und die Leere danach ist das, was andere innere Leere nennen.
Heilung, glaube ich inzwischen, passiert nicht, weil ich jedem Blatt eine Bedeutung andichte. Sie passiert, wenn ich stehen bleibe, bevor ich das tue, und mich frage, was ich gerade wirklich brauche.
Am Osterdeich ist eine Wildrose meistens einfach eine Wildrose
Am Osterdeich, dort wo der Weg an der Weser entlangführt und die Zuchtrosen aus dem Laden weit weg sind, entdeckte ich letzthin am Wegrand eine wilde Heckenrose. Ich blieb stehen und zählte die Blütenblätter – genau fünf, wie es sich für eine echte Wildrose gehört. In der Geometrie der Natur gilt die Fünf oft als Zahl des Menschen, des Gleichgewichts. Aber die Blütenblätter allein waren kein Zeichen, sie waren einfach Botanik.
Das eigentliche Zeichen kam erst Sekunden später: Ein kleiner Farn wuchs aus einer Spalte im Asphalt direkt daneben, genau dort, wo eigentlich kein Platz für ihn sein sollte. In der Nacht davor hatte ich geträumt, ein Farn würde sich um Mamas Hände winden, und das war kein Beweis für irgendetwas, aber es fühlte sich an wie eine Übereinstimmung – nicht weil der Farn eine Botschaft flüsterte, sondern weil er genau dort überlebte, wo ich es nicht erwartet hätte.
Manche nennen das Schärfen der Hellsinne, ich nenne es schlicht: wieder hinschauen lernen.
Erst erden, dann suchen
Meine erste schamanische Einzelsitzung in Worpswede liegt inzwischen eine Weile zurück, und was mir davon am meisten geblieben ist, ist ein Satz, den die Schamanin dort sagte: Heilung sei kein Ziel, sondern ein Rhythmus. Damals verstand ich davon kaum etwas, aber inzwischen merke ich, wie sehr das mit Erdung zusammenhängt – bevor ich überhaupt anfange, nach einem Zeichen zu suchen, brauche ich einen Moment, in dem ich einfach nur in meinem Körper bin, mit beiden Füßen auf den alten Kalksteinplatten im Laden, sonst sehe ich ohnehin nur, was ich sehen will.
Ein Teil davon rührt sicher an das, was manche Ahnenheilung nennen, auch wenn ich für mich meistens einfach an Mama denke und nicht an einen größeren Begriff.
Bevor ich mich auf so eine Suche einlasse, sorge ich inzwischen auch für eine Art energetischen Schutz, und sei es nur die Minute, in der ich bewusst durchatme, bevor die Glocke wieder losgeht.
Was mir hilft, wenn ich anfange zu suchen
Was mir hilft, hat wenig mit Technik zu tun und viel mit Geduld. Am Osterdeich reicht es oft, ohne Kopfhörer zu gehen und sich hinzusetzen, bis die Vögel einen vergessen haben, das allein bringt schon eine andere Art von Stille. Dann kommt die Wahl des ersten Objekts: ein Stein, eine vertrocknete Distel, ein Zweig, irgendetwas, das den Blick zuerst festhält, ohne dass man sofort analysiert, warum. Danach frage ich nach der Botschaft hinter der Form – ein Baum, der sich im Wind beugt und trotzdem steht, erzählt etwas anderes als eine Blume, die nach wenigen Tagen welkt, und manchmal merke ich erst beim Vergleich, welches von beidem gerade eher zu mir passt. Am Ende steht immer die unbequemste Frage: Sehe ich das gerade wirklich, oder brauche ich nur dringend einen Trost vom Universum?
Gefundenes halte ich abends im Tagebuch fest, gepresst zwischen den Seiten, auch wenn das Führen eines eigenen spirituellen Tagebuchs ein Thema für sich wäre. Es ist Teil dessen, was ich als spirituelle Entwicklung im Alltag verstehen gelernt habe, nicht als große Zeremonie, sondern als etwas, das zwischen zwei Kundenbestellungen passiert.
Trude fragt: Woher weiß ich, dass es kein Wunschdenken ist?
Trude, eine Leserin aus meinem Online-Kurs, mit der ich mich nur über E-Mail austausche, hat mir genau das vor Kurzem geschrieben, in ihrer üblichen knappen Art: drei Sätze, die den Kern treffen, ohne ein Wort zu viel. Ihre Frage war schlicht: Woher weiß ich, dass es kein Wunschdenken ist? Meine Antwort an sie war dieselbe wie oben, die Übereinstimmung von draußen und drinnen, nicht die Schönheit des Zeichens allein.
Am Freitagmorgen kam Roswitha, wie fast jede Woche, kaufte ihren üblichen Strauß und stellte, wie immer, keine einzige Frage dazu, warum ich gerade mit einer einzelnen Anemone in der Hand dastand, aber ich hatte das Gefühl, sie hatte trotzdem alles verstanden, bevor die Glocke hinter ihr wieder zufiel.
Zum Schluss bleibt bei mir kein fertiges System, nur eine Gewohnheit: erst die Form draußen, dann die Frage drinnen, und nur wenn beide sich berühren, nenne ich es ein Symbol. Alles andere ist einfach Natur am Osterdeich, schön genug, auch ohne Botschaft.
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