Das Bluetentagebuch

Schamanisch trommeln lernen für Anfänger: Warum ich mich erst albern fühlte

Der Duft an meinem Bindetisch ist feuchte Erde und frisch angeschnittene Stängel. Der Duft meiner Rahmentrommel ist trockenes Tierfell, ein Hauch von weitem, unbekanntem Land. Zwischen diesen zwei Gerüchen wechsle ich seit einigen Wochen hin und her, mitten in meiner spirituellen Ausbildung, als komplette Anfängerin im schamanischen Trommeln und in eigener, ziemlich unsortierter Trauerbewältigung.

Kurzer Halt, bevor es weitergeht: Dieser Text enthält Affiliate-Links, und wenn du darüber etwas buchst, bekomme ich eine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Empfehlen tue ich nur, was ich selbst nutze und wofür ich mein eigenes Geld ausgebe. Wichtiger noch: Ich bin keine Ärztin, keine Therapeutin, keine Heilpraktikerin – nur eine Floristin, die versucht, einen leeren Raum in sich zu verstehen. Bei ernsten Krisen wende dich bitte an professionelle Hilfe, nicht an mein Sonntagabend-Tagebuch. Alles Weitere dazu steht in meiner Offenlegung.

Der Moment, in dem ich mir albern vorkam

Diese Woche war ich vor Sonnenaufgang am Blumengroßmarkt in Mahndorf, um Pfingstrosen für eine Hochzeit auszusuchen, und auf der Rückfahrt dachte ich, wie seltsam mein Leben gerade in zwei Hälften zerfällt. Tagsüber bin ich die Frau, die Kisten trägt und mit Händlern über Lieferzeiten verhandelt. Abends sitze ich auf meinem Teppich, halte einen Schlägel und soll trommeln, als würde das irgendetwas an dem Loch ändern, das seit Ingrids Tod in mir sitzt.

Am Anfang kam ich mir dabei vor wie eine Parodie meiner selbst. Eine 41-Jährige mit laufenden Fixkosten und einem Steuerberater, die im Dunkeln auf eine Tierhaut schlägt, in der Hoffnung, irgendetwas zu erreichen. Die Stimme im Kopf war unbarmherzig: Was machst du hier eigentlich. Du bist Floristin. Du kennst Trauerrituale von der anderen Seite, du bindest Kränze, du beschriftest Schleifen – aber das hier war keine Dienstleistung für andere. Das war für mich, und genau das machte es so schwer auszuhalten.

Floristinnenhände beim schamanischen Trommeln lernen: Schlägel über der Rahmentrommel als Anfängerin

Warum ich nachts so leise trommle

Ein ziemlich unspirituelles Problem kam dazu: Mein Altbau im Viertel ist hellhörig. Wer hier wohnt, weiß, dass man hört, wenn drei Häuser weiter jemand niest. Die Anleitungen im Kurs sprechen von Kraft, von Ekstase, davon, den Rhythmus einfach rauszulassen. Aber wie soll das gehen, wenn man weiß, dass die Nachbarin nebenan gerade versucht, in Ruhe fernzusehen?

Diese Angst, jemanden zu stören, hat meinen Fokus lange zerstört. Ich habe nur getupft statt geschlagen, aus Sorge, zu laut zu sein. Gebracht hat mir das wenig – bis mir jemand erklärte, dass leises Trommeln auf das Nervensystem nach der Arbeit ähnlich wirkt wie lautes. Ob das stimmt, kann ich nicht beweisen, ich kann nur sagen: Seitdem lege ich manchmal ein dünnes Tuch über die Trommel und schlage trotzdem, so leise, dass die Nachbarin ihren Frieden hat. Es geht nicht um Lautstärke. Es geht um die Resonanz, die im eigenen Körper bleibt.

Wenn eine Übung einfach kippt

Letztes Jahr habe ich mal ein Wochenende in einem Yogakloster in der Eifel verbracht, weil eine Bekannte schwor, das würde helfen. Ich kam zurück und musste auf dem Parkplatz im Auto weinen, ohne zu wissen, warum, und wusste danach trotzdem nicht, wohin mit der Trauer. Das schreibe ich hier, weil ich möchte, dass du weißt: Nicht jede gut gemeinte Methode setzt etwas in Bewegung, nur weil andere schwören, dass sie es tut.

Auch das Trommeln selbst kippt manchmal einfach. In einer der Live-Sitzungen versuchte ich, einen gleichmäßigen Rhythmus zu halten, schnell genug, dass ich aufhörte zu zählen. Ich schloss die Augen, atmete den Trommelgeruch ein, der sich mit dem kalten Erdaroma an meinen Fingern mischte – und dann gab es einen Knall. Meine Katze Zwetschge hatte beim Versuch, eine Fliege zu fangen, die Vase mit den verwelkten Anemonen vom Tisch gefegt. Wasser auf dem Parkett, blaue Blütenblätter überall, mein Herz raste, und ich saß mit dem Schlägel in der Hand und wollte nur noch weinen. Nichts daran war spirituell. Es war eine Sauerei in einer stillen Wohnung, und ich habe die Übung abgebrochen. Manchmal klappt es eben nicht.

Umgekippte Vase mit Anemonen neben der Trommel – eine Übung, die mitten in der Trauerbewältigung kippt

Zwölf Wochen mit den dreizehn Clanmüttern

Seit Februar bin ich im strukturierten Jahresprogramm POWER OF LOVE, jetzt in Woche zwölf, und zahle monatlich einen Betrag, den ich eigentlich lieber zur Seite legen sollte. Warum ich trotzdem dabeibleibe: Es gibt dort dreizehn Clanmütter, weibliche Archetypen, die durch den Kurs führen, und weil ich meine eigene Mutter so plötzlich verloren habe, wirkt diese weibliche, mütterliche Struktur wie ein Halt, den ich sonst gerade nirgends finde. Manche würden das vielleicht Ahnenarbeit nennen, andere Trauerintegration – ich nenne es einfach: es hilft, dranzubleiben, auch an den Tagen, an denen ich mich frage, was das alles soll.

Thomas Young, der das Programm leitet, veröffentlicht laut Kursbeschreibung seit zwanzig Jahren Bücher zu diesen Themen. Die physische Gruppe aus Worpswede fehlt mir online manchmal, aber die feste Struktur trägt mich trotzdem durch die Wochen. Es fühlt sich streckenweise an wie die ersten Jahre mit meinem eigenen Blumenladen in Bremen: Man bleibt dran, auch ohne sofortiges Ergebnis, und irgendwann merkt man, dass sich doch etwas verschoben hat. Trommeln ist für mich inzwischen weniger schamanische Reise im großen Sinn und mehr ein Werkzeug, mit dem ich die Stille in meiner Wohnung strukturiere, bis die erste Vibration im Solarplexus ankommt, so etwas wie Erdung vielleicht, und dieser hohle Raum in mir für ein paar Minuten warm wird.

Was mir Zwetschge auf dem Fensterbrett zeigt

Meine Wochenend-Aushilfe im Laden, Mina Bargmann, schreibt gerade ihre Bachelorarbeit über Rituale in der Trauerarbeit, und sie war es, die mir das Wort Trauma zum ersten Mal so erklärt hat, dass es für mich stimmte – nicht als Diagnose, sondern als das, was passiert, wenn ein Nervensystem keine Zeit hatte, sich an einen Verlust zu gewöhnen. Seitdem denke ich anders über das Trommeln, mehr als tägliche Alltagsintegration und weniger als große Zeremonie.

Vorhin, nach der Übung, saß Zwetschge auf dem Küchenfensterbrett in der Nachmittagssonne, fünfzehn Jahre alt und völlig unbeeindruckt von alledem, und ich habe sie einfach nur angeschaut. Kein Loch hat sich aufgetan, keine Sorge, keine Traurigkeit, die ich sofort füllen musste – nur eine alte Katze im Licht. Wenn das schon Herzöffnung ist, dann ist sie kleiner und leiser, als ich erwartet hätte, und das war der erste Nachmittag seit Wochen, der sich nicht wie Arbeit an mir selbst anfühlte, sondern einfach wie ein Nachmittag.

Vom Kopf ins Herz

In meinem Moleskine liegen inzwischen über zwanzig getrocknete Blüten. Letzte Woche kam eine dunkle Pfingstrose dazu, für die Momente, in denen ich aufgehört habe, mich selbst beim Trommeln zu beobachten. Meine Freundin Romy Kähler, mit der ich vor vielen Jahren gemeinsam das Handwerk gelernt habe und die inzwischen in Oldenburg einen eigenen Laden führt, schreibt mir eigentlich nie kurze Nachrichten – aber neulich kam ein langer Brief von ihr, in dem sie fragte, ob das Trommeln mir hilft oder ob ich mich nur beschäftige. Ich habe beide Möglichkeiten offen gelassen, weil ich es selbst nicht genau weiß.

Wenn du auch gerade am Anfang stehst und dich fragst, ob du das Richtige tust: Es ist in Ordnung, sich albern vorzukommen. Es ist in Ordnung, wenn die Katze dich dabei beobachtet wie ein Gericht. Was bei mir am Ende hängengeblieben ist, nach zwölf Wochen: Der Fortschritt kommt nicht als großer Moment der Erkenntnis, sondern als ein einzelner Nachmittag, an dem plötzlich nichts fehlt. Man kann das nicht erzwingen, genauso wenig wie die ersten Ranunkeln im Vorfrühling – man kann nur weiter den Boden bereiten und schauen, was kommt. Wer eine sanftere Herangehensweise sucht, für den könnte auch A TOUCH OF ALOHA mit seinem hawaiianischen Rahmen und der dort vermittelten Huna-Lehre etwas sein, auch wenn ich persönlich die Tiefe der Clanmütter gerade mehr brauche.

Gepresste Pfingstrose im Tagebuch nach der spirituellen Ausbildung im schamanischen Trommeln

Ich weiß immer noch nicht, wohin mich dieser Weg am Ende führt. Ich weiß nur, dass ich heute Abend wieder die Trommel nehme, leise genug für die Nachbarn, und dass die Leere in mir inzwischen öfter antwortet, als sie schweigt. Wenn dich die Begriffe rund um Schattenarbeit, Erdung oder die einzelnen Schritte einer Sitzung interessieren, schau gerne in mein Glossar der Schamanismus-Begriffe. Bis nächste Woche – hoffentlich mit weniger verschüttetem Vasenwasser.

Mal kurz:
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