
Zwei Menschen im Bremer Viertel wissen, dass ich seit Februar eine spirituelle Ausbildung mache. Nur zwei von all den Gesichtern, die ich jede Woche im Laden grüße, kennen den Frauenkreis, die Rauchbündel und Trommelreisen, die mein zweites Leben seit diesem Jahr prägen. Der Rest kennt nur die Floristin, die pünktlich öffnet und deren Sträuße gut aussehen. Das ist keine Schüchternheit, sondern eine Entscheidung, die ich fast jede Woche neu treffe: Kostet eine Erklärung mehr Kraft, als sie mir zurückgibt, bleibt sie ungesagt.
Kurz vorweg, bevor ich weiterschreibe: Das hier sind meine persönlichen Notizen aus einer laufenden Ausbildung, keine Kaufempfehlung und keine Therapieanleitung. Ich bin Floristin, keine Heilpraktikerin. Wenn in diesem Text Links zu Programmen auftauchen, die ich selbst gebucht habe, verdiene ich bei einem Kauf eine Provision, an deinem Preis ändert das nichts.
Zwei Kreise, eine Frau dazwischen
Meine Mutter Ingrid ist im März 2024 gestorben, sieben Wochen nach der Diagnose. Bauchspeicheldruesenkrebs lässt kaum Zeit zum Verstehen, geschweige denn zum Abschiednehmen. Trauerfloristik ist mein Handwerk, und trotzdem hat mich nichts darauf vorbereitet, selbst in diesem leeren Raum zu stehen, den sie hinterlassen hat.
An einem Sonntagabend habe ich mich für ein Jahresprogramm angemeldet, ohne lange nachzudenken – POWER OF LOVE, dreizehn Clanmütter, die einem etwas über weibliche Kraft und Trauer erzählen sollen. Seit Februar ist das Teil meines Alltags, tagsüber die Hände im Blumenwasser, abends am Laptop. Zwei Welten, die sich eigentlich nie berühren sollten.
Im Viertel gibt es auch Kreise, nur andere. Eine Nachbarin von mir quiltet seit Jahren in einem kleinen Nähkreis, trifft sich regelmäßig mit denselben Frauen aus der Nachbarschaft, näht an Decken weiter, die nie ganz fertig werden. Niemand findet das seltsam. Niemand fragt sie, ob sie noch ganz bei Trost ist, wenn sie von Stoffresten und Stichmustern erzählt. Mein Kreis liegt weiter weg, in Worpswede, diesem Dorf mitten im Teufelsmoor, wo sich acht Frauen einmal im Monat um eine Trommel versammeln.
Der Trommelton in der Scheune dort kommt bei mir nie zuerst als Klang an. Er kommt zuerst im Rücken an, ein Vibrieren zwischen den Schulterblättern, bevor das Ohr überhaupt registriert, dass draußen jemand schlägt. Das würde ich in einer Nähkreis-Runde im Viertel nie erzählen können, ohne dass sich sofort dieser eine Blick auf mich richtet – höflich, freundlich, und trotzdem mit einer unsichtbaren Distanz dahinter. Genau da liegt der Unterschied zwischen den beiden Kreisen: nicht in der Häufigkeit, nicht in der Entfernung, sondern darin, was passiert, wenn ich den Namen laut ausspreche.

Das Schweigen im Bremer Viertel
Ich habe es genau einmal probiert. Einer Kundin, die seit Jahren freitags ihren Strauß holt, habe ich von einer Übung zur Ahnenarbeit erzählt, bei der ich meine Mutter auf einer Lichtung wiedergetroffen habe. Sie hat mich angesehen, wie man jemanden ansieht, dem die Trauer den Verstand etwas verrutscht hat. Höflich, mitleidig, mit einem kleinen Kopfschütteln, das mehr sagte als jedes Wort.
Danach habe ich schnell über Blattläuse an den Rosen geredet, und seitdem bleibt die Ausbildung dort, wo sie herkommt: in Worpswede, im Notizbuch, in mir. Das Gefühl, in eine Schublade gesteckt zu werden, in die man eigentlich gar nicht passt, ist schwer loszuwerden, wenn man es einmal gespürt hat.
Was die Ausbildung mir tatsächlich gibt, lässt sich im Viertel schlecht erklären, ohne kitschig zu klingen. Es geht auch nicht darum, sofort perfekt schamanisch zu sein, sondern darum, meinen Schmerz endlich anzunehmen, statt ihn nur in Blumenpapier einzuwickeln. Lebensenergie wahrzunehmen ist mir als Floristin eigentlich vertraut, an Stielen, an Blütenblättern, die schon zu welken beginnen, bevor man es sieht – durch die Arbeit in Worpswede bekommt dieses Wahrnehmen aber eine andere Tiefe. Falls dich interessiert, wie das bei Blumen überhaupt funktioniert, habe ich dazu schon einmal geschrieben: Wie man die Lebensenergie von Blumen bewusster wahrnimmt.

Mehr arbeiten hat die Leere nicht gefüllt
Bevor Worpswede überhaupt eine Option für meine Trauerbewältigung war, habe ich es anders versucht. Die Öffnungszeiten habe ich ausgeweitet, den Laden auch samstags bis sieben offengehalten, in der Hoffnung, dass Erschöpfung die Leere irgendwie überdeckt. Ein paar Wochenenden hat das sogar funktioniert, in dem Sinn, dass ich abends zu müde war, um überhaupt etwas zu fühlen.
Am Montag war die Leere trotzdem wieder da, unverändert, nur ich war dünner geworden und die Samstage kürzer. Irgendwann habe ich die verlängerten Öffnungszeiten wieder zurückgenommen, ohne dass ich einen Plan B hatte.
Vor ein paar Tagen habe ich in einer alten Schublade eine Postkarte von Ingrid gefunden, von einer Reise, an die ich mich kaum noch erinnere. Ihre Handschrift, dieses runde, leicht nach rechts fallende Schreiben, habe ich früher immer schnell weggelegt, sobald sie mir irgendwo begegnet ist. Diesmal habe ich jedes Wort gelesen, ohne wegzuschauen, und danach noch eine Weile dagesessen, die Karte in beiden Händen.
Wann ich schweige, wann ich rede
Wenn ich die zwei Versuche nebeneinanderlege, sehe ich inzwischen ziemlich klar, wann welcher trägt. Mehr Arbeit hilft, wenn ich kurzfristig funktionieren muss – ein Hochzeitsauftrag, eine Woche mit mehreren Beerdigungen hintereinander, Tage, an denen für Gefühle schlicht keine Zeit bleibt. Der Frauenkreis in Worpswede trägt etwas anderes: er hält die Fragen aus, für die im Laden keine Zeit ist, während eine Kundin auf ihren Strauß wartet.
Das eine ersetzt das andere nicht. Schweigen wähle ich im Viertel eher, wenn ich merke, dass eine Erklärung mehr Energie kostet, als sie zurückgibt – bei der Kundin, die es eilig hat, beim Nachbarn, der nur Small Talk will. Reden wähle ich eher, wenn jemand tatsächlich fragt und stehen bleibt, um die Antwort auch auszuhalten. Jahresprogramm hin oder her – diese Unterscheidung hat mir am Ende mehr geholfen als jede einzelne Übung.
Wer mir dabei am meisten zusieht, ohne je ein Wort zu sagen, ist Zwetschge, meine fünfzehnjährige Katze. Sie liegt abends neben meinem Notizbuch, während ich schreibe, und braucht offensichtlich kein Zertifikat, um zu wissen, wann ein Moment wichtig ist und wann nicht. Über sie und ihre Art von Weisheit habe ich schon einmal nachgedacht: Was meine alte Katze mir über das Loslassen beibringt.

Der Blick ins Notizbuch am Sonntagabend
Was am Ende des Jahres aus alldem wird, weiß ich nicht. Ob ich eine Zeremonie für meine Mutter halten werde, ob ich meinen Laden danach anders führe – offene Fragen, die ich nicht künstlich beantworten will, nur damit dieser Text runder klingt.
Eine Pfingstrose zeigt lange nur den harten, grünen Kopf, und man denkt, da passiert gar nichts. Dann, fast über Nacht, bricht sie auf. So fühlt sich meine spirituelle Ausbildung gerade an – noch geschlossen, noch etwas fest, aber mit dem Wissen, dass die Kraft zum Blühen schon da ist.

Vielleicht erzähle ich es irgendwann den Menschen im Viertel, dass ich Trommelreisen mache und an die Kraft der Ahnen glaube. Bis dahin bleibt es, wie es ist: zwei Menschen, die es wissen, und ein Notizbuch, das immer dicker wird. Wenn du selbst nach einem Halt suchst, der über das Sichtbare hinausgeht, kannst du dir das Programm der Clanmütter in Ruhe ansehen. Einfach ist der Weg nicht, und er kostet Kraft – aber für mich ist er im Moment der richtige.
Ich bin keine Expertin für Trauer, ich habe keine medizinische Ausbildung, und ich verspreche dir keine Wunderheilung. Falls dir ein hawaiianisches Lebensgefühl eher liegt als dreizehn Clanmütter, könnte auch A TOUCH OF ALOHA ein Pfad sein, auch wenn ich mich selbst anders entschieden habe. Wichtig ist nur, dass du auf dein eigenes Empfinden hörst – so wie ich es an jenem Sonntagabend getan habe, als ich mich zum ersten Mal angemeldet habe. Vielleicht erkennst du mich jetzt im Viertel an dem kleinen schwarzen Notizbuch, das ich nicht mehr ganz so schnell wegschiebe wie früher.
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