
Die unterste Schublade der alten Kommode klemmt wie immer, und ich ziehe trotzdem weiter, bis die Postkarte oben liegt – Ingrids Handschrift, die krummen O's, die sie nie ändern wollte. Ich lese die drei Zeilen zu Ende, ohne wegzusehen, und merke danach, dass sich in meiner Brust nichts zusammenzieht. Das ist neu. Chakra-Arbeit klang für mich lange nach einem Wort aus einem fremden Katalog, aber genau in diesem Moment wird mir klar, wie sehr Energiezentren und Alltagsspiritualität mit kleinen, konkreten Dingen zu tun haben – mit einer Schublade, einer Handschrift, einer Postkarte, die man endlich anfassen kann, ohne dass es wehtut. Trauerverarbeitung, lerne ich gerade, hat wenig mit großen Einsichten zu tun und viel mit solchen stillen Prüfungen.
Es ist Woche sieben im Online-Programm, das seit Februar läuft, und die Postkarte lag seit Ingrids Tod im März 2024 ungelesen in dieser Schublade, weil ich die Schrift nicht ertragen konnte. Jetzt liegt sie neben meinem Moleskine auf dem Tisch, und ich weiß noch nicht, ob ich sie hineinlege oder einfach nur öfter anschaue.
Das Wurzelchakra und der Boden, der wirklich trägt
Sieben Hauptzentren gibt es im Chakra-System, das aus dem Sanskrit stammt und wörtlich Rad oder Scheibe bedeutet, und das unterste, das Muladhara, war meins in dieser Woche. Es steht für Urvertrauen und Sicherheit – zwei Dinge, die seit Ingrids Diagnose nicht mehr selbstverständlich für mich sind.
Am Dienstag stehe ich mit den Händen im eiskalten Wasser der Rosenkübel, während draußen die Fahrräder über das Pflaster rattern, und versuche zu spüren, was mich eigentlich hält, wenn die Beine schwer werden. Seit 13 Jahren arbeite ich so, jeden Tag, aber erst seit diesem Programm stelle ich mir diese Frage überhaupt.

Wie man sich wirklich erdet, ist ein eigenes Handwerk, größer als das, was in einen Absatz passt, deshalb bleibe ich bei dem, was diese Woche bei mir angekommen ist. Stabilität fühlte sich in den letzten Monaten oft eher wie Wackelpudding an als wie Wurzelwerk, und wenn die Angst kommt, dass der Laden nicht läuft, oder die Erinnerung an die sieben Wochen im Krankenhaus mich einholt, verliere ich den Boden ziemlich schnell.
Bevor die Ausbildung überhaupt begann, habe ich ein Wochenende in einem Yogakloster in der Eifel verbracht, weil eine Bekannte schwor, das würde mich runterbringen. Ich kam nach Hause und weinte zwei Stunden lang, ohne zu wissen, warum, und danach war das Wochenende einfach vorbei, ohne dass sich irgendetwas gesetzt hätte. In der Ausbildung heißt es oft, man solle das Wurzelchakra öffnen, aber ich habe für mich gemerkt: Manchmal ist Festigen wichtiger als Öffnen, wie bei den Wurzeln einer alten Eiche, bevor man die Krone in den Wind streckt.
Das Herzchakra meldet sich erst diese Woche
Grün gilt traditionell als Farbe des Herzchakras, des Anahata, und für eine Floristin ist das natürlich ein Heimspiel – Eukalyptus, Farne, das tiefe Grün der Rosenblätter, alles um mich herum. Innen sah es lange trotzdem eher grau aus. Nach der Beerdigung meiner Mutter fühlte sich mein Herzraum an wie ein zugestelltes Lagerzimmer, in dem man den Lichtschalter nicht mehr findet.
Eine Übung diese Woche verlangt genau das Gegenteil von Ablenkung: auf dem Sofa sitzen und nur atmen. Nichts bewegt sich. Ich fühle mich leer und ein bisschen albern, und nach ein paar Minuten stehe ich wieder auf und gieße die Zimmerpflanzen, weil das wenigstens ein sichtbares Ergebnis bringt.
So ein Moment lässt die ganze Ausbildung plötzlich sehr weit weg wirken.
Zwei Tage später, beim Binden eines Straußes aus Anemonen und Schleierkraut, passiert es dann doch noch. Eine Kundin fragt beiläufig, wie es meiner Mutter gehe – sie weiß es noch nicht – und in dem Moment zieht sich in meiner Brust alles zusammen, ein Druck, als würde mir jemand kurz die Luft abschnüren. Mein Herzchakra war also nicht zu, es war einfach nur wund, und ich merke, wie wichtig es ist, diese Energiezentren im Alltag wahrzunehmen, wenn sie reagieren, statt sie nur auf dem Meditationskissen zu suchen.
Mina, die samstags im Laden aushilft, fragt mich am Rand einer solchen Szene, ob es dafür eigentlich Studien gibt – nicht herablassend, einfach neugierig – und ich habe keine bessere Antwort als: Ich spüre es einfach. Wie Übungen zur Herzöffnung für Anfänger meinen Alltag verändern können, beschäftigt mich seither mehr, auch wenn es selten um das große Strahlen geht und öfter nur ums Aushalten der Enge.
Das Halschakra macht dicht, bevor ich verstehe warum
Kommunikation und Wahrheit sitzen im Halschakra, sagt die Ausbildung, und genau dort spüre ich oft einen Kloß, wenn Kunden nach Ingrid fragen. Ich lächle dann, sage, sie sei im März verstorben, und wechsle schnell das Thema, während meine Hände hastig das Band um die Blumen wickeln.
Im Frauenkreis in Worpswede, dem Dorf im Teufelsmoor, zu dem ich seit Anfang 2025 einmal im Monat an einem Samstag fahre, geht es viel um Trommelreisen – wie man die Trommel selbst führt und wie sich so eine Reise überhaupt anfühlt, sind beides eigene Themen, für die hier kein Platz ist. Was mich stattdessen beschäftigt, ist die Frage, was passiert, wenn man gar keine Worte findet.
Blockaden im Hals, heißt es in der Online-Ausbildung, haben oft mit unterdrückten Gefühlen zu tun. Seitdem summe ich manchmal leise beim Binden, nur für mich, und spüre, wie die Schwingung im Hals etwas löst, das Worte gerade nicht schaffen. Es muss nicht die große Rede sein – manchmal reicht ein Summen, um die Energie wieder ins Fließen zu bringen.
Auch wie sich mein Umgang mit Kunden wandelt, seit ich solche körperlichen Warnsignale ernst nehme, überrascht mich manchmal selbst. Wenn der Hals eng wird, atme ich einmal tief durch, bevor ich antworte, statt alles sofort wegzudrücken.

Nicht jedes Zentrum will in dieser Woche geöffnet werden
Überall liest man, man müsse seine Chakren öffnen, immer mehr Licht, immer mehr Weite. Abends aber schließe ich die Ladentür ab und ziehe die Vorhänge zu, und ich glaube, energetisch ist das genauso wichtig wie jedes Öffnen. Für Anfängerinnen wie mich ist das ständige Öffnen-Wollen manchmal einfach zu viel, gerade wenn man mitten in der Trauer wie eine Blume ohne schützende Kelchblätter dasteht.
Was in der Ausbildung energetischer Schutz heißt, ist bei mir selten kompliziert – meistens ist es genau das: die abgeschlossene Tür, die zugezogenen Vorhänge, ein klares Bis-hierher-und-nicht-weiter. Mein Solarplexus, das Zentrum unter dem Brustbein, flattert oft vor Stress, wenn zu viele Bestellungen auf einmal kommen, und früher dachte ich, das sei einfach Nervosität. Heute lege ich in solchen Momenten kurz die Hand flach auf den Bauch, und das Flattern beruhigt sich meistens.
Sonntagabend, Moleskine und die Energiezentren, die bleiben
Romy ruft am Mittwoch an, wie sie es öfter tut, und sagt nach fünf Sätzen genau das, was ich nicht hören will, aber brauche: dass ich aufhören soll, mich für die Dinge zu entschuldigen, die mir helfen. Direkt, ohne dass es kalt wirkt – typisch Romy.
Zwetschge liegt inzwischen auf dem Sofa und streckt sich ausgiebig, so geerdet und gleichzeitig so intuitiv, wie nur Katzen das hinbekommen. Manchmal denke ich, dass Haustiere unsere spirituelle Entwicklung begleiten, einfach indem sie vormachen, wie man im Körper bleibt, ohne groß darüber nachzudenken.
Ich greife nach der Postkarte und einer getrockneten Anemone, die gestern im Laden übrig blieb, schon fast papierdünn, und lege beides zwischen die Seiten meines Notizbuchs, dort, wo ich über das Wurzelchakra geschrieben habe. Das raue Papier unter den Fingern, während ich die Blüte festdrücke, ist für mich ein kleines Ritual geworden – wie man so ein Tagebuch überhaupt anfängt und führt, ist wieder eine eigene Geschichte, hier zähle ich nur die über zwanzig getrockneten Blüten, die inzwischen zwischen den Seiten liegen.
Es gibt so vieles in diesem Programm, das ich noch nicht angefasst habe. Ahnenarbeit steht erst im Herbst auf dem Plan, und ich weiß jetzt schon, dass Ingrid darin eine Rolle spielen wird, die ich noch nicht kenne. Schattenarbeit klingt für mich nach einem Zimmer, das ich noch nicht betreten will. Die hawaiianische Huna-Lehre, von der zwei Frauen im Kreis schwärmen, bleibt für mich vorerst ein Wort ohne Gefühl dahinter. Ob das, was ich gerade übe, am Ende so etwas wie Manifestation ist oder einfach nur genaues Hinschauen, kann ich nicht sagen, und ob ich dabei meine Hellsinne schärfe oder einfach nur wacher durch den Tag gehe, weiß ich auch noch nicht.
Trauerintegration ist ein großes Wort für das, was gerade in sehr kleinen Schritten passiert, und die innere Leere, die nach Ingrids Tod blieb, füllt sich nicht auf einen Schlag, sondern nur stellenweise – wie ein Beet, das man nicht in einem Nachmittag bepflanzt.
Was mich diese Ausbildung tatsächlich kostet, an Zeit und an anderen Dingen, ist ein Thema für einen anderen Sonntag. Wie man das alles am Ende in einen ganz normalen Alltag integriert, ist ohnehin die größere Frage, größer als jedes einzelne Chakra für sich.
Expertin für Chakren bin ich nicht, und ob ich das alles jemals richtig beherrschen werde, weiß ich nicht. Aber etwas ist heilbar, ganz langsam, wie eine Pflanze, die man nach einem harten Frost zurückgeschnitten hat und die jetzt, im August, die ersten vorsichtigen Triebe zeigt. Was ich am Ende mit diesem Wissen anfange, weiß ich noch nicht – vielleicht bleibt es einfach mein privates Werkzeug, um den Laden zu führen und abends ohne den schweren Stein auf der Brust einzuschlafen.
Wer sich selbst auf so einen Weg macht: Geduld mit sich selbst hilft mehr als jede Technik. Wenn eine Übung nicht klappt, ist das in Ordnung. Wenn nichts spürbar wird, ist auch das eine Information, keine Niederlage. Wir sind keine Maschinen, die sich mit einem Schalter neu ausrichten lassen – eher ein Garten, der Zeit, Wasser, Licht und manchmal einfach nur Ruhe braucht, um im Dunkeln zu wachsen.
Morgen früh warten frische Lieferungen vom Großmarkt, und ich werde die Blumen anfassen, das Wasser spüren und versuchen, meine Wurzeln ein Stück tiefer in den Boden meines Ladens zu senken. Alles Liebe aus dem Viertel, eure Helene.
Hinweis: Ich teile hier meine persönlichen Erfahrungen als Floristin auf meinem Weg. Ich bin keine Ärztin oder Therapeutin. Wenn ihr unter schweren psychischen Belastungen oder tiefer Depression leidet, sucht bitte unbedingt euren Hausarzt oder eine psychotherapeutische Praxis auf. Energiearbeit kann eine wunderbare Ergänzung sein, ersetzt aber keine medizinische Behandlung.
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