
Seit Wochen frage ich mich, woran ich einen Ort erkenne, der wirklich etwas mit mir macht und nicht nur hübsch fürs Auge ist. Ich habe angefangen, eigene Kraftorte in der Natur zu finden, statt einfach den Listen zu folgen, die jeder kennt. Bremen gilt nicht gerade als Stadt der heiligen Plätze, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich angefangen habe, genauer hinzusehen.
Im Online-Programm bin ich inzwischen in der vierten Woche, und das laufende Modul dreht sich um Mana – jene Lebenskraft aus den Huna-Prinzipien, die an bestimmten Orten konzentrierter sein soll als anderswo. Die Theorie klingt einleuchtend, fast zu einfach. Ob sie auch für eine Frau gilt, die den Großteil ihrer Woche mit nassen Händen zwischen Eimern verbringt, weiß ich noch nicht.
Der erste Versuch, einen Kraftort im Schnoor zu finden
Wer in unserem Kurs nach einem Kraftort in der Nähe von Bremen fragt, bekommt fast immer die gleiche Antwort: ein bestimmtes Künstlerdorf im Nordosten. Ich habe das lange geglaubt, ohne es zu hinterfragen. Meiner liegt am Ende viel näher, mitten in der Stadt, ohne dass ich dafür rausfahren muss.
An einem ruhigen Vormittag bin ich durch den Schnoor gelaufen, ohne Bestellliste im Kopf, nur mit der Anweisung aus dem Kurs: rausgehen, die Resonanz spüren, sich verbinden. Die Gassen dort sind schmal genug, dass sich die Schultern von selbst heben, und jede Fassade sieht aus wie ein Kalenderblatt, das man schon zu oft gesehen hat. Ich habe erwartet, dass sich etwas verschiebt, sobald ich stehen bleibe und lausche.

Stattdessen: nichts.
Mein Kopf ist die Bestellungen für die Woche durchgegangen, während ich eigentlich nach Mana suchen sollte. Im Frauenkreis nennen wir das eine schamanische Reise, aber im Schnoor gibt es keine Trommel, nur meinen eigenen Atem und das Kopfsteinpflaster unter den Schuhen. Ich habe schon einmal versucht, so etwas allein herzustellen – monatelang habe ich sonntags für mich selbst einen Strauß gebunden, ganz allein am Tisch, wie ein Ritual. Es hat geholfen, für den Moment. Aber verändert hat es nichts, was danach kommt. Die innere Leere, von der im Kurs oft die Rede ist, ist an diesem Vormittag im Schnoor einfach nur da gewesen, unverändert, und ich bin nach einer knappen Stunde umgekehrt.
Das alte Hoftor hat mehr Resonanz als die Fotomotiv-Gasse
Ein paar Tage später bin ich noch einmal hingegangen, diesmal ohne Erwartung, eher aus Trotz. Und da ist es: ein altes, schiefes Hoftor zwischen zwei Häusern, an dem der Putz abblättert und niemand mehr etwas repariert, weil dahinter nur ein winziger Hof mit einem einzelnen Baum liegt. Kein Kalendermotiv. Aber ich habe mich mit der Schulter dagegen gelehnt und zum ersten Mal seit Wochen gespürt, wie etwas in mir nachgibt.
Vielleicht ist das schon eine kleine Herzöffnung gewesen, dieses Nachgeben an einem fremden Hoftor, auch wenn ich es lieber Zufall nenne. Ingrids Hände waren in den letzten Wochen genauso gezeichnet wie das alte Holz vor mir – rissig, aber immer noch da, bis sie es nicht mehr waren. Ob das schon Ahnenheilung ist, weiß ich nicht. Aber ich habe an sie gedacht, ohne dass es sofort wehgetan hat – und das ist neu für mich.
Auf der Rückfahrt vom Großmarkt, ein paar Tage danach, ist mir aufgefallen, dass ich nicht einmal daran gedacht habe, jemanden anzurufen. Früher hätte ich auf genau so einer Fahrt Romy angerufen, meine alte Kollegin aus der Ausbildungszeit, die heute einen eigenen Laden in Oldenburg führt – immer dann, wenn ein Gefühl zu groß für Worte ist. Diesmal habe ich einfach die Straßen gesehen und den Kofferraum voller Eimer. Romy hätte wahrscheinlich sofort gefragt, ob bei mir alles in Ordnung ist – direkt, aber nie kalt, so kenne ich sie seit Jahren. Diesmal musste sie gar nicht fragen, weil ich sie gar nicht angerufen habe. Erst zu Hause, beim Aufschließen der Wohnungstür, ist mir aufgefallen, wie still die ganze Fahrt gewesen ist.

Am selben Abend habe ich es wie immer in mein Tagebuch geschrieben, nur drei Sätze diesmal, und eine Anemone zwischen die Seiten gepresst – für Klarheit, auch wenn ich nicht sagen kann, worüber genau. Am nächsten Tag hat mich meine Wochenend-Aushilfe Mina gefragt, ob es das Ritual sei, das etwas verändert, oder einfach nur die Zeit, die vergeht. Sie schreibt gerade ihre Abschlussarbeit über Rituale in der Trauerarbeit und stellt solche Fragen, ohne dass sie belehrend klingen. Eine gute Antwort fällt mir bis heute nicht ein. Vielleicht ist das schon die Trauerintegration, von der im Kurs die Rede ist: nicht eine Lösung, sondern eine Frage, die man aushält, ohne sie sofort zu beantworten.
Wenn du selbst suchst: Lass die Ratgeber-Listen ruhig liegen. Es geht nicht darum, wohin alle pilgern, sondern darum, ob ein Ort etwas mit dir macht. Achte auf den Körper und nicht auf die große Vision – wird der Atem tiefer, werden die Schultern weicher, die vom Blumenbinden sonst so verspannt sind. Bleib länger, als dein Kopf es für sinnvoll hält, denn die ersten Minuten sind meistens nur Gedankenrauschen. Und nimm bewusst ein einzelnes Element wahr, einen Geruch, ein Geräusch, eine Kühle unter der Hand. Ich merke oft, dass ich erst vom Kopf ins Herz kommen muss, bevor überhaupt etwas anderes zu mir sprechen kann.
Erdung finde ich inzwischen öfter, als dass ich sie herstelle
Erdung ist für mich inzwischen keine Atemtechnik mehr, die ich mache, sondern ein Ort, zu dem ich zurückkehre, wenn ich sie brauche – das Hoftor im Schnoor gehört jetzt genauso dazu wie das Fensterbrett in meiner Küche, an dem Zwetschge die meiste Zeit schläft.

Montags stehe ich wieder im Laden, und dort zeigt sich, ob im Schnoor wirklich etwas hängen geblieben ist. Genau das ist wohl gemeint, wenn im Kurs von Alltagsintegration die Rede ist: nicht der große Ausflug, sondern die Frage, ob die Ruhe den Weg zurück in eine ganz normale Woche findet. An manchen Tagen kommen drei trauernde Kundinnen hintereinander, und ich merke, wie sehr ich so etwas wie einen energetischen Schutz brauchen würde, auch wenn ich noch übe, was das für mich überhaupt heißen soll. Das ehrliche Stück daran ist die Ungeduld, die zuerst kommt, nicht die Verbindung – und zuzugeben, dass es so ist, fühlt sich selbst schon wie ein kleines Stück Schattenarbeit an.
Inzwischen schärfe ich meine Wahrnehmung fast täglich, fast so wie ich meine Hellsinne im Alltag trainiere, während ich Rosen dornenfrei mache oder eine Kundin berate. Ein Kraftort ist offenbar kein Ziel, an dem man ankommt und dann fertig ist. Er ist eher etwas, das man immer wieder aufsucht, bis er einen irgendwann von selbst trägt – ein Hoftor im Schnoor genauso wie ein Fensterbrett in einer Altbauwohnung. Es ist ein bisschen wie beim Binden eines Straußes: Die ersten Zweige sehen nach nichts aus, und erst durch das langsame Hinzufügen entsteht überhaupt eine Form. Das ist vermutlich die einzige Antwort, die ich auf meine eigene Frage vom Anfang habe.
Natürlich ersetzt so ein Spaziergang keine Therapie. Wenn die Trauer mich komplett unter sich begräbt, brauche ich fachliche Hilfe, und das sage ich auch den Frauen in unserem Kreis immer wieder. Ein Online-Programm oder ein altes Hoftor sind Werkzeuge zur eigenen Trauerverarbeitung, keine Heilsversprechen. Aber sie helfen mir gerade, die Verbindung zu mir selbst nicht ganz zu verlieren.
Keine der Informationen auf dieser Website stellt eine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung dar. Alle Inhalte basieren auf persönlicher Erfahrung. Wenden Sie sich an einen qualifizierten Fachmann für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Beratung.