
Der Nacken meldet sich bei mir vor dem Kopf. Wenn ich abends im Bremer Viertel den letzten Eimer ausleere, sitzt dort ein Druck, der nicht vom Tragen kommt, sondern von Ingrid, meiner Mutter. Seit ich meine Trauer verarbeite – mit Körperarbeit mitten im Alltag, samstags im Frauenkreis und in einer längeren spirituellen Ausbildung –, kenne ich zwei Wege, dieser Enge zu begegnen: spüren, während die Hände arbeiten, oder spüren in einer Stunde, die ich mir eigens freihalte. Beide stelle ich dir heute nebeneinander, mit dem, was jeder trägt und was er nicht schafft.
Ein Wort vorab: Hier stehen Links zu den Programmen, die ich selbst besuche. Buchst du darüber etwas, bekomme ich eine Provision, die diesen Blog und meine Ausbildung mitträgt – für dich wird es nicht teurer. Ich bin keine Ärztin und keine Therapeutin. Wenn dich der Schmerz erdrückt, geh bitte zuerst zu deinem Hausarzt oder zu einer approbierten Psychotherapeutin. Eine schamanische Reise begleitet mich, aber sie ersetzt keine Behandlung.
Trauer im Körper spüren: zwei Wege, dieselbe Enge
Als meine Mutter im März 2024 starb – wenige Wochen nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs –, habe ich geglaubt, ich wüsste, wie das geht. Abschied, Kränze, Schleifen. Die Callas für die Unvergänglichkeit, der Efeu fürs ewige Leben: Das ist mein tägliches Handwerk. Trotzdem ist der Raum in mir danach leer geblieben, und kein Ritual hat geholfen.
Was danach kommt, hat im Blumenladen keinen Namen. Es sitzt im Körper.
Ein flacher Atem. Ein Engegefühl in der Brust, als hätte jemand einen Draht zu fest um mein Herz gewickelt – so, wie ich ihn um widerspenstige Kranzunterlagen wickle. Der Kiefer mahlt, die Schultern ziehen hoch, sobald jemand mit einer Bestellung für eine Beerdigung hereinkommt.
Zwei Antworten darauf haben sich bei mir herausgebildet. Sie sind keine Konkurrenten, eher zwei Werkzeuge aus verschiedenen Eimern. Der erste Weg findet mitten in der Arbeit statt, der zweite dort, wo sonst nichts von mir verlangt wird.

Was passiert, wenn ich mitten im Strauß spüre?
Die Kundschaft kommt, wenn sie kommt. Pfingstrosen für eine Hochzeit, Anemonen für den Küchentisch, und niemand fragt, ob ich gerade Platz habe für meine Mutter. Also tue ich, was ohne Pause geht: Ich sage innerlich „Hallo Trauer, ich spüre dich im Kiefer. Ich spüre dich in den Schultern." Dann binde ich weiter. Den Schmerz binde ich quasi mit in den Strauß ein.
Das hat einen klaren Vorteil, es kostet keine Extrazeit. Aus dem /ref/power-of-love Programm nehme ich die Haltung mit, dass Heilung keine weitere Aufgabe auf der To-Do-Liste sein muss – ich darf den Schmerz zulassen, während ich arbeite. Der Atem wird dabei oft ein wenig tiefer, die Enge wandert, und der Laden muss nicht anhalten. Das klingt vielleicht esoterisch, für mich ist es pure Überlebensstrategie.
Die Grenze kommt schnell. Zwischen zwei Kundinnen bleiben mir Sekunden, und was in Sekunden auftaucht, bleibt an der Oberfläche. An manchen Tagen spüre ich nur den Nacken und sonst nichts, ich schneide Stiele an, und die Enge bleibt bis zum Feierabend. Das ist kein Fortschritt, das ist Durchhalten. Ich lasse es als eigene Kategorie stehen.

Am Sonntagabend darf es lauter werden
Sonntagabends schreibe ich zwei Seiten in mein Moleskine, manchmal mehr, manchmal nur drei Sätze. Wenn ich das Buch zuschlage, knistert der Einband einmal kurz, und danach höre ich nur noch Zwetschge auf dem Fensterbrett atmen. Wenn mich ein Moment in einer Sitzung oder Übung besonders getroffen hat, presse ich am nächsten Arbeitstag eine Blüte aus dem Laden zwischen die Seiten. Inzwischen liegen über zwanzig dort – eine Anemone für die Klarheit nach einem Weinkrampf, ein Eukalyptuszweig für eine besonders harte Woche, in der alles grau war.
Einmal im Monat fahre ich samstags nach Worpswede in den Frauenkreis: Trommeln, Reisen, zusammen sitzen, kein Zertifikat, kein Lehrplan. Nach so einem Nachmittag stehe ich auf dem Kiesweg, das Knirschen unter den Sohlen reicht bis in die Knie, und der Boden ist einfach da. Kein Gedanke dazu, keine Deutung – nur Boden. Das hat etwas in mir bewegt, was ich mit nichts anderem erreicht habe.
Dazu kommt das strukturierte Jahresprogramm /ref/power-of-love, eine Investition, die ich mir als kleine Floristin kaum leisten kann. Bei jeder monatlichen Rate spüre ich, dass ich es mir wert sein muss. Es arbeitet mit 13 Clanmüttern, weiblichen Qualitäten, die durch das Jahr begleiten, ähnlich wie Saisonblumen den Laden bestimmen. Thomas Young, der das Programm leitet, hat zwanzig Jahre Erfahrung als Autor und Lehrer, und das merkt man an der Struktur. Ein Schnell-Heilungs-Versprechen gibt es nicht. Es ist eher wie das Gießen einer Pflanze, die fast vertrocknet wäre: nicht zu viel auf einmal, sonst faulen die Wurzeln. Wer es exotischer mag, findet mit /ref/a-touch-of-aloha etwas anderes, für mich stimmen die Clanmütter im Moment besser, weil sie so nah an den Zyklen der Natur liegen.
Einmal, als die ersten Ranunkeln der Saison im Laden standen, habe ich vor dem Laptop eine Online-Meditation begonnen. Genau in diesem Moment hat Zwetschge eine Vase mit Anemonen vom Tisch gefegt. Das Wasser lief über die Tastatur, ich habe geflucht, mit Küchenpapier gewischt und wollte abbrechen. Statt Zorn ist dann eine scharfe Hitze aufgestiegen, vom Solarplexus bis in die Kehle, und ein langer Schauer lief mir über den Rücken. Eine Frau mit Erde unter den Fingernägeln, die vor dem Laptop meditiert – manchmal komme ich mir dabei albern vor.
Nicht alles davon hält. Eine Meditations-App, die mich täglich ans Sitzen erinnern sollte, habe ich irgendwann einfach nicht mehr geöffnet. Ohne Rahmen und ohne andere Menschen im Raum verpufft bei mir der gute Vorsatz. Das Jahresprogramm trägt mich auch deshalb, weil es Termine setzt, aber es bleibt sehr online. Wer Gruppenluft braucht, findet sie eher im Frauenkreis.
Sonntagnachmittags, bevor ich schreibe, laufe ich manchmal zur Kunsthalle Bremen und stehe eine Weile vor einem Bild, bis sich der Körper meldet. Eine Freundin, die einen Schrebergarten an der Hemmstraße pflegt, macht das im Beet – Erde unter den Nägeln sei ihre Version davon, sagt sie. Zwei Orte, dieselbe Idee: Der Körper meldet sich eher, wenn er vor etwas stillhalten darf.
Letzte Woche habe ich bei einer Übung zur Ahnenarbeit an Ingrid gedacht, wie sie früher in der Küche die Äpfel für den Kuchen schälte. Für ein paar Stunden war da statt der Leere ein warmes Gefühl von Dankbarkeit, und der Nacken hat nachgegeben. Ein einzelnes Eukalyptusblatt liegt jetzt im Notizbuch. Solche kleinen Öffnungen zählen für mich mehr als der große Durchbruch, auf den alle warten.
Wann ich welchen Weg nehme
Wenn die Kundschaft Schlange steht, der Kiefer mahlt und ich zwischen den Stielen keine Minute für mich habe, nehme ich den ersten Weg: benennen, weiterbinden, nichts erzwingen. Ist der Laden zu, bin ich allein und die Enge wird auch nach Feierabend nicht kleiner, nehme ich den zweiten: Notizbuch, gepresste Blüte, eine Trommelreise im Frauenkreis oder das Programm. Der erste Weg ist schnell und flach, der zweite langsam und tief. Beide gelingen nur, wenn ich mich nicht antreibe.
Das ist meine Erfahrung, nicht deine Anleitung. Wenn die Enge nicht nachlässt, du kaum noch schläfst oder Angst dazukommt, ist weder ein Frauenkreis noch ein Blumenladen die richtige Adresse. Dann gehört das zu deinem Hausarzt oder zu einer approbierten Psychotherapeutin.

Warum Selbstmitgefühl lernen der wichtigste Teil meiner spirituellen Reise ist, steht auf einer anderen Seite – aber es ist der Dünger für alles, was hier wächst. Wohin mich dieser Weg führt, weiß ich noch nicht. Heilerin bin ich keine und werde es wohl nie sein. Eine Floristin aber, die wieder tief einatmen kann, wenn sie die Stiele der Rosen anschrägt, und das ist für den Moment mehr als genug.
Falls du neugierig bist, schau dir das /ref/power-of-love Programm in Ruhe an. Es gibt mir den unsichtbaren Rahmen, den die App nie hatte, auch wenn der Alltag im Viertel über mir zusammenschlägt. Und falls es dich eher woandershin zieht, könnte Wie das Pono Prinzip der Huna Lehre meinen inneren Frieden stärkt ein sanfter Einstieg sein.
Jetzt hat Zwetschge Hunger, und der Regen draußen lässt nach. Für das Tagebuch suche ich noch eine Blume heraus – eine Ranunkel, für die Hoffnung, dass alles, was fest ist, irgendwann wieder weich werden darf.
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