Das Bluetentagebuch

Warum ich heute lerne meine eigene Verletzlichkeit als Stärke zu begreifen

Ranunkeln haben die dünnsten Stiele von allen Blumen, die bei mir im Laden stehen, und sie halten trotzdem am längsten in der Vase. An diesen Widerspruch denke ich oft, seit ich mitten in meiner eigenen Trauerarbeit versuche zu verstehen, was Frauenkraft eigentlich bedeutet – und warum ich lange geglaubt habe, dass Zartheit und Haltbarkeit sich ausschließen.

Hinweis vorab, weil er hierher gehört: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Bucht jemand darüber ein Programm, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich etwas teurer wird. Ich schreibe nur über Dinge, die ich selbst ausgewählt und aus eigener Tasche bezahlt habe. Bevor du dich für irgendeine Ausbildung entscheidest, lies die Bedingungen beim Anbieter direkt durch – ich bin Floristin, keine Rechtsberaterin.

In meiner Branche gilt eine stille Regel: Wer Blumen für Trauer verkauft, darf selbst nicht wie ein Trauerfall aussehen. Kundinnen kommen wegen Trost, wegen Schönheit, wegen eines Lächelns an der Theke. Seit Ingrid im März 2024, sieben Wochen nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, gestorben ist, habe ich diese Regel jeden Tag befolgt. Lächeln, Kranz binden, die nächste Kundin bedienen. Niemand im Viertel merkt, wie viel davon einstudiert ist.

Der Mythos von der unzerbrechlichen Floristin

Mina, die samstags im Laden aushilft und gerade an ihrer Bachelorarbeit über Rituale in der Trauerarbeit schreibt, hat mich neulich etwas gefragt, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: ob ich als Trauerfloristin irgendwann gelernt habe, selbst nicht zu trauern. Sie hat ihre Thermoskanne mit Fenchel-Zimt-Tee dabei und wartet wirklich auf eine Antwort, keine Höflichkeitsfrage. Ich habe ihr gesagt, dass ich das lange geglaubt habe. Dass Verletzlichkeit ein Fehler in der Inszenierung ist, eine Lücke im Schaufenster, durch die man zu tief hineinsieht. Diese Vorstellung ist falsch, und sie hält sich trotzdem hartnäckig, gerade bei Frauen, die beruflich für andere da sein müssen.

Hände einer Floristin auf der Laptop-Tastatur neben einer weißen Anemone, abends beim Online-Modul der Power of Love Ausbildung

Abends, wenn der Laden zu ist, sitze ich oft mit noch klebrigen Fingern vom Anemonenschnitt am Laptop und nehme an einem Modul des Jahresprogramms POWER OF LOVE teil. Die 13 Clanmütter, die darin als Lehrerinnen auftreten, sprechen fast alle irgendwann über genau diesen Punkt: dass Frauen gelernt haben, Stärke mit Unverwundbarkeit zu verwechseln. Schattenarbeit kommt in einem der Module kurz vor, als ein Weg, genau diese verdeckten Stellen überhaupt erst zu finden, aber das ist ein eigenes Thema für sich.

Frauenkraft ist nicht das, was ich geglaubt habe

Frauenkraft hat für mich früher bedeutet: durchhalten. Den Laden auch dann aufschließen, wenn man die Nacht durchgeweint hat. Lächeln, bis es echt wird. Was ich inzwischen durch die Arbeit mit den Clanmüttern anders sehe: Die Kraft liegt nicht im Durchhalten der Fassade, sondern darin, dass die Fassade reißen darf, ohne dass darunter nichts mehr übrig ist. Ein Riss im Ton eines Gefäßes ist kein Beweis, dass das Gefäß wertlos ist. Er zeigt nur, dass etwas hindurchgegangen ist.

Nicht jede Übung dazu hat bei mir funktioniert. Letztes Jahr habe ich ein Wochenende in einem Yogakloster in der Eifel verbracht, weil mir jemand gesagt hat, Stille und Rückzug könnten mir helfen, mit der Leere nach Ingrids Tod klarzukommen. Ich bin heimgefahren und habe im Auto geweint, ohne zu wissen, worüber genau. Das Wochenende hat nichts falsch gemacht, und ich auch nicht – es hat einfach nicht die richtige Tür aufgemacht. Manche Türen gehen erst auf, wenn man das Richtige davor trommelt, und nicht, wenn man nur still davor sitzt.

Eine andere Tür ist auf dem Rückweg vom Großmarkt aufgegangen, an einem ganz gewöhnlichen Morgen. Ich sitze im Auto, die Kisten mit Pfingstrosen und Schleierkraut hinten verstaut, und merke erst nach ein paar Kilometern, dass ich nicht wie sonst überlegt habe, ob ich Ingrid kurz anrufen sollte, bevor ich in den Laden fahre. Kein Schreck, keine Dramatik. Nur ein leises Nachher, in dem ich spüre: Etwas in mir hat sich verschoben, ohne mein Wissen.

Romy glaubt, dass ich mich selbst verliere

Romy, mit der ich Mitte der Zweitausenderjahre zusammen gelernt habe und die inzwischen ihren eigenen Laden in Oldenburg führt, ruft manchmal an, wenn etwas nicht mehr in eine Nachricht passt. Wenn ich ihr von den Trommelreisen erzähle, wird sie still auf eine Art, die ich gut kenne – die Stille vor dem Satz „Das ist doch nicht dein Ernst, Helene." Sie hält das für Zeitverschwendung, vielleicht sogar für einen Rückschritt. Aus ihrer Sicht habe ich mich jahrelang zusammengerissen und soll das jetzt wegwerfen für Trommeln und Tränen.

Ich verstehe, warum das für sie wie das Gegenteil von Stärke aussieht. Für mich ist warum strukturierte spirituelle Ausbildung mir mehr Halt gibt als nur Intuition bis heute manchmal schwer zu erklären, weil ein Rahmen und ein Zusammenbruch sich von außen manchmal gleich anfühlen können. Aber ein Rahmen, der mir erlaubt, ehrlich zu weinen und danach trotzdem die Kisten auszuladen, ist kein Zusammenbruch. Er ist das Gegenteil davon.

Offenes Moleskine-Tagebuch mit getrockneten, gepressten Blumen zwischen den Seiten – Spuren eines Jahres Trauerarbeit und spiritueller Ausbildung

Verletzlichkeit zeigen, ohne sich zu verlieren

Die Regel, die ich mir inzwischen gebe, ist einfach, auch wenn sie nicht immer leicht einzuhalten ist: Sobald ich merke, dass ich eine Standardformulierung wie „das wird schon wieder" heraushole, obwohl sie gerade nicht stimmt, halte ich kurz inne und sage stattdessen, was wirklich ist. Nicht alles, nicht ungefiltert – nur den einen echten Satz, statt der glatten Floskel. Neulich, bei einer Kundin, klingt das so: „Ich weiß auch nicht, wie man das aushält, ich versuche es gerade selbst herauszufinden." Sie hat mich angeschaut, als wäre das die ehrlichste Antwort, die sie seit langem von irgendjemandem bekommen hat.

Das ist der Unterschied zwischen Verletzlichkeit als Kontrollverlust und Verletzlichkeit als Werkzeug. Beim Blumenbinden presst man die Stiele fest genug, damit der Strauß hält, aber nicht so fest, dass nichts mehr atmen kann. Wie die Power of Love Übungen mir bei Erschöpfung im Alltag helfen, zeigt mir das immer wieder: Sanftheit ist kein Gegenteil von Durchhalten, sie ist eine andere Art davon.

Heute Abend presse ich eine Pfingstrose zwischen die Seiten meines Moleskine, zu den über zwanzig anderen, die dort schon liegen. Nicht weil ich etwas Großes gelöst hätte, sondern weil dieser eine Gedanke – dass ein Riss kein Mangel ist – sich heute zum ersten Mal nicht nur richtig angehört, sondern auch richtig angefühlt hat.

Falls dich diese Frage auch beschäftigt, ob du in deinem Alltag zu viel hinter einer Fassade aus Stärke versteckst: Das POWER OF LOVE Jahresprogramm ist für mich der Rahmen, in dem genau diese Frage zum ersten Mal wirklich Platz hat. Es gibt andere Wege dorthin, etwa A TOUCH OF ALOHA vom selben Anbieter, aber die Arbeit mit den Clanmüttern ist für mich seit Ingrids Tod das Richtige. Die aktuellen Konditionen und Termine findest du direkt beim Anbieter, weil sich solche Dinge ändern können.

Draußen wird es dunkel über dem Viertel, und Zwetschge hat sich mit ihrem ganzen Gewicht quer über meine Notizen gelegt, als wollte sie den Punkt setzen, den ich selbst noch suche. Ich klappe das Buch trotzdem zu. Zerbrechlich und stark sind nie zwei verschiedene Dinge gewesen – nur zwei Wörter für denselben Riss.

Mal kurz:
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