
Über zwanzig getrocknete Blüten liegen inzwischen zwischen den Seiten meines Moleskine-Notizbuchs, jede an einer eigenen Stelle, keine davon dort durch Zufall. Jede markiert einen Moment aus meiner schamanischen Reise, der mich getroffen hat, seit meine Mutter Ingrid im März 2024 an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, sieben Wochen nach der Diagnose. Mit 41 und nach 13 Jahren in meinem eigenen Blumenladen im Bremer Viertel dachte ich, ich wüsste schon, was eine Sinnkrise mit 40 bedeutet. Es ist aber keine einzelne schlimme Woche. Es ist eher ein Raum in einem selbst, der plötzlich leer steht, und drei Dinge haben sich für mich als tragfähig erwiesen, um diesen Raum langsam wieder zu möblieren: ein monatlicher Frauenkreis, ein strukturiertes Jahresprogramm zur spirituellen Ausbildung und ein festes Ritual an jedem Sonntagabend.
Hinweis vorab, weil du das wissen solltest, bevor du weiterliest: Ich verlinke in diesem Text zu Kursen, die ich selbst bezahle und besuche. Kommt darüber eine Buchung zustande, bekomme ich eine Provision, ohne dass sich dein Preis dadurch verändert. Ich schreibe hier ausschließlich über Ausbildungen, in die ich selbst Geld und Zeit investiere, und ich bin weder Ärztin noch Rechtsberaterin – die Bedingungen beim jeweiligen Anbieter liest du am besten selbst in Ruhe nach.
Eine Sinnkrise mit 40 ist keine Krise, sondern eine Lücke im Alltag
Dreizehn Jahre lang habe ich gedacht, mit Trauer könne ich gut umgehen, weil Trauerfloristik zu meinem Berufsalltag gehört und ich fast täglich Kränze binde. Nach der Beerdigung kam aber etwas anderes als die Trauer, die ich aus dem Laden kannte. Kein Schmerz, der sich an einem bestimmten Anlass festmachen ließ, sondern das Gefühl, dass ein ganzer Raum in mir leer geworden war, ohne Möbel, ohne Licht, einfach aus.
Eine Trauertherapeutin habe ich auch ausprobiert, fünf Sitzungen lang, bevor ich aufgehört habe. Es fühlte sich an wie ein Protokoll, das abgearbeitet wird, Frage nach Frage, und nicht wie der Raum, den ich eigentlich brauchte. Das heißt nicht, dass Therapie bei anderen nicht wirkt – bei mir hat genau diese Form einfach nicht gepasst, und ich habe aufgehört, statt mir selbst etwas vorzumachen.

Was ich konkret gegen dieses Gefühl mache
Drei Dinge halten mich seitdem im Alltag: ein Frauenkreis einmal im Monat in Worpswede, seit Anfang 2025, ein einjähriges Online-Programm, für das ich mich im Februar dieses Jahres angemeldet habe, und ein Ritual an meinem eigenen Bindetisch. Keines davon ersetzt das andere, und keines davon ist für sich allein genommen die Lösung.
Wenige Frauen sitzen in diesem Kreis, auf dem Boden eines Raums ohne viel Dekoration, und es geht um Trommeln, um das, was man eine schamanische Reise nennt, und um das gemeinsame Aushalten von Stille. Was dabei genau im Körper oder im Bewusstsein passiert, erkläre ich hier nicht im Detail – das würde diesem einen Nachmittag im Monat nicht gerecht, und es gibt andere Texte auf diesem Blog, die sich ausführlicher mit dem Thema befassen.
Das POWER OF LOVE Jahresprogramm ist der zweite Baustein, mit seinen 13 Clanmüttern als Lehrerinnen, und ich zahle monatlich einen Betrag dafür, den ich mir laut eigener Haushaltsrechnung eigentlich nicht leisten sollte. Trotzdem spüre ich bei jeder Ratenzahlung, dass mir dieser Raum etwas wert ist, und genau dieses einjährige Format gibt mir Zeit, langsam anzukommen, statt eine schnelle Entscheidung treffen zu müssen.
Wie sich dieser Spagat zwischen einem Vollzeit-Blumenladen und einer Ausbildung anfühlt, für die es kein Zertifikat einer Kammer gibt, beschreibe ich ausführlicher in meinen Gedanken zur spirituellen Ausbildung neben dem Vollzeitjob. Hier nur so viel: Der dritte Baustein, das Ritual am Sonntagabend, kostet nichts außer Zeit und einer Blüte aus dem eigenen Kühlraum.
An jedem Sonntagabend presse ich eine Blüte zwischen die Seiten meines Notizbuchs, eine Anemone für die klaren Momente, einen Zweig Eukalyptus für die harten Wochen, und manchmal, wenn ich den Deckel danach schließe, raschelt das Papier in der Stille der Küche so deutlich, dass Zwetschge auf dem Fensterbrett kurz die Ohren hebt.
Zwischen Bindetisch und Trommelklang
Im Laden selbst merkt man von alldem erst mal nichts. Die Messingglocke an der Tür klingelt, eine Kundin will Rosen in einem bestimmten Rosa, die nächste braucht etwas für eine Beerdigung bis morgen Mittag. Trotzdem sickert die Arbeit aus Worpswede langsam in diesen Alltag ein, mehr als Haltung denn als Technik, und manchmal ist Ahnenarbeit für mich nicht mehr als die Frage, wie meine Mutter wohl auf einen bestimmten Kunden reagiert hätte.
Letzte Woche stand eine Kundin am Tresen, die einfach einen Strauß für ihre Mutter wollte, ohne besonderen Anlass, nur so. Früher hätte ich das Gespräch vermutlich mit einem freundlichen Griff zur Kasse abgekürzt. Diesmal habe ich gefragt, welche Farben ihrer Mutter gefallen würden, und wir haben einige Minuten über Flieder gesprochen, den ihre Mutter angeblich nie leiden konnte.
Freitags kommt seit Jahren eine Stammkundin, Roswitha Feddersen, pünktlich zum Ladenöffnen, kauft meist nur ein kleines Bund Schleierkraut und fragt nie, wie es mir geht. Trotzdem erzähle ich ihr am Ende meist mehr, als ich vorhatte, einfach weil sie zuhört, ohne nachzubohren. Neulich, während ich Stiele schnitt, spürte ich plötzlich eine Wärme im Solarplexus, ganz ohne ersichtlichen Anlass, und ich habe gelernt, solche körperlichen Reaktionen inzwischen eher wahrzunehmen als wegzuschieben, ohne daraus sofort eine große Bedeutung zu konstruieren.
So erkenne ich, ob eine Übung mir tatsächlich hilft
Nicht jede Übung aus dem Online-Programm funktioniert bei mir. Es gibt Abende, an denen ich eine Ahnenarbeit beginne und nach wenigen Minuten merke, dass ich nur an die nächste Lieferung vom Großmarkt denke, nicht an das, was eigentlich vor mir liegt. Dann breche ich ab. Das zähle ich inzwischen nicht mehr als Scheitern, sondern als Information: Heute ist nicht der Abend dafür.
Mein Maßstab ist simpel geworden, fast handwerklich: Fühlt sich eine Übung am Ende wie ein Strauß an, bei dem jeder Stiel noch passt, oder wie einer, bei dem ich mit Gewalt eine welke Ranunkel zwischen frische Pfingstrosen zwinge? Im zweiten Fall lege ich die Übung weg, genauso wie ich einen Stiel wegwerfe, der sich nicht mehr retten lässt, egal wie sehr ich ihn mag.
Eine zusätzliche Orientierung gibt mir seit einiger Zeit eine Leserin, Trude Warnecke, die sich nach meinem ersten Kursbericht gemeldet hat und seitdem kurze Nachrichten schreibt, meist nur drei Sätze, aber Sätze, die genau das treffen, worüber ich selbst noch nicht klar nachgedacht habe. Wir haben uns nie persönlich getroffen. Wenn ich merke, dass mich ein Modul eher überfordert als trägt, sind es oft ihre knappen Zeilen, die mir zeigen, dass es kein individuelles Versagen ist, sondern schlicht zu viel auf einmal.
Wenn du gerade selbst in so einer Lücke steckst
Falls du gerade an einem ähnlichen Punkt stehst, würde ich dir nicht pauschal zu einem bestimmten Programm raten. Für mich passt das Jahresformat mit den Clanmüttern, weil es eine weibliche Linie anbietet, die mir gerade fehlt. Es gibt auch andere Wege, etwa A TOUCH OF ALOHA, das über die hawaiianische Huna-Lehre arbeitet und mit Begriffen wie Mana oder dem Aloha-Spirit eine deutlich leichtere Energie einbringt – für manche genau richtig, für andere, die gerade erst wieder Boden unter den Füßen suchen, womöglich zu weit weg vom Alltag.
Wer erst einmal klein anfangen will, bevor er sich auf ein ganzes Jahr einlässt, findet vielleicht in meinen Gedanken zu Naturritualen für die Seele einen leichteren Einstieg. Bei tiefer Depression oder akuter Krise ist und bleibt der erste Schritt der Hausarzt oder eine approbierte Psychotherapeutin, keine Ausbildung und kein Kurs, auch nicht dieser. Was bei mir bleibt, nach dreizehn Jahren mit den Händen im Wasser und in der Erde, ist kein fertiges Ergebnis, sondern eine Methode, mit der leeren Stelle zu arbeiten, ungefähr so, wie man mit einem Strauß arbeitet, der noch nicht fertig ist: weiterbinden, einen Schritt zurücktreten, schauen, ob es stimmt.
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