
Die Frau vor mir presst beide Hände auf die Ladentheke und will einen Strauß für ihre Mutter, weiß, nicht zu üppig, aber auch nicht traurig. Früher hätte ich in drei Minuten drei Ranunkeln gebunden und sie mit einem freundlichen Nicken zur Tür begleitet. Heute frage ich nach dem Anlass und lasse zu, dass sie fünf Minuten lang von ihrer Mutter erzählt, die seit Kurzem im Heim lebt und Blumen kaum noch riechen kann. Ich schneide das Gespräch nicht ab. Das allein ist neu für mich, und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es mit dem Vergebungsritual zu tun hat, das ich seit diesem Jahr übe – mit vier hawaiianischen Sätzen, die unter dem Namen Ho'oponopono laufen.
Bevor es weitergeht, kurz das Nötigste: In diesen Sonntagsnotizen verlinke ich manchmal Programme, die ich selbst nutze, und wenn du darüber buchst, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich für dich am Preis etwas ändert. Ich bin Floristin, keine Therapeutin und keine Ärztin – hier stehen persönliche Aufzeichnungen, keine Anleitung für dich. Wer gerade in einer akuten seelischen Krise steckt, sollte zuerst mit einer Hausärztin oder einer approbierten Psychotherapeutin sprechen, nicht mit einem Blog.
Der Groll, der nach der Beerdigung blieb
Nach Ingrids Beerdigung im März 2024 dachte ich, ich würde einfach weiterarbeiten können. Trauerfloristik kannte ich schließlich, ich hatte genug Kränze gebunden und genug Tränen gesehen, um zu glauben, ich hätte eine Art Immunität dagegen. Also habe ich mehr gearbeitet statt weniger – ich habe den Laden auch samstags bis sieben offen gelassen, obwohl das Viertel um sechs schon fast leer ist, nur um nicht in die Wohnung zu müssen, in der es plötzlich sehr still war. Geholfen hat das nicht. Der Groll blieb trotzdem, kalt und fest, unter allem, was ich tat: ein Groll auf Ingrid, weil sie so schnell gegangen ist, und einer auf mich selbst, weil ich sie in den letzten Wochen zu wenig gefragt habe, was sie eigentlich noch wollte.

Warum mir das Vergebungsritual zuerst peinlich war
Das Wort Ho'oponopono habe ich zuerst in unserem Frauenkreis in Worpswede gehört, acht Frauen ohne jedes Zertifikat, die sich einmal im Monat zum Trommeln und zum Schweigen treffen. Es stammt ursprünglich aus der hawaiianischen Huna-Lehre, das habe ich erst später nachgelesen, aber in dem Moment klang es für mich nur nach Kitsch, zu sonnig für eine Frau, die im Bremer Nieselregen groß geworden ist. Manche im Kreis sprechen dabei auch von Mana, der Energie, die angeblich durch alles fließt, aber das ist ein Thema für einen anderen Abend.
Im Februar 2026 habe ich mich trotzdem für A TOUCH OF ALOHA angemeldet, das Online-Programm, das genau um dieses Ritual und den Aloha-Spirit gebaut ist. Ich zahle dafür monatlich einen Betrag, der mir als kleine Ladenbesitzerin schon wehtut, aber ich wollte eine Struktur für etwas, das ich allein nicht ordnen konnte. An einem schwülen Nachmittag zwischen zwei Kundinnen habe ich eines der Videos angeschaut, und als das Wort Aloha fiel, wirkte alles plötzlich zu hell und zu laut für meinen grauen Tag. Ich habe mitten im Satz abgebrochen und dachte, das sei rausgeworfenes Geld – etwas für Leute, die nicht den ganzen Tag mit den Händen in kaltem Blumenwasser stehen. Ingrid, glaube ich, hätte nur die Augenbraue hochgezogen und gefragt, ob ich jetzt Blumenerde mit hawaiianischen Sprüchen segne, statt einfach das Unkraut zu jäten.
Die vier Sätze am Bindetisch flüstern
Verschwunden ist der Groll dadurch nicht. Also habe ich irgendwann doch angefangen, die vier Sätze leise vor mich hin zu sprechen, während ich Stiele schneide: Es tut mir leid, bitte verzeih mir, ich liebe dich, danke. Der nasse Stiel gibt unter der Schere immer erst zögerlich nach, ein kurzer, schräger Schnitt, ein kleiner Widerstand, bevor er durchtrennt ist – genauso hat sich das Sprechen der Sätze zuerst angefühlt, zäh und ein bisschen widerspenstig. Bei „es tut mir leid" dachte ich an die Momente im Krankenhaus, in denen ich ungeduldig war. Bei „bitte verzeih mir" sprach ich in den leeren Raum, den Ingrid hinterlassen hat.
Es fühlte sich manchmal an, als würde ich Trauer im Körper spüren, die sich jahrelang irgendwo versteckt hatte. Die eigentliche Verarbeitung dieser Trauer ist noch mal ein eigener, langsamerer Weg, über den ich ein andermal mehr schreibe. Die innere Leere, die nach Ingrids Tod blieb, wurde davon nicht sofort gefüllt, nur ein bisschen leiser.
Neulich, an einem Samstagvormittag auf dem Wochenmarkt am Domshof, erzählte mir eine Freundin, die seit Jahren in einem kleinen Nähkreis im Viertel quiltet, dass sie alte Stoffreste so lange aufhebt, bis sie wieder zueinanderpassen. Ich musste an die vier Sätze denken – daran, wie man auch aus einem zerrissenen Gefühl irgendwann wieder etwas Ganzes zusammensetzt, Stück für Stück, ohne dass die alten Risse dabei verschwinden.
Funktioniert Vergebung auch mitten im Streit?
In unserem Frauenkreis ist auch eine Frau, die mitten in einer sehr toxischen Trennung steckt. Ihr Ex-Partner meldet sich fast täglich, beschimpft sie, versucht sie zurückzuholen. Wir haben lange diskutiert, ob die vier Sätze auch bei ihr greifen könnten, und mein Eindruck danach ist: nicht auf dieselbe Weise wie bei mir. Bei mir war der Gegner nur noch mein eigenes Gedächtnis, keine Person, die mich im Hier und Jetzt verletzen konnte. Wer noch mitten in der Schusslinie steht, für den ist Vergebung fast unmöglich zu halten, solange die Verletzung sich jeden Tag wiederholt.
Da würde ich eher zu etwas wie energetischem Schutz raten, zu einer klaren Grenze, bevor ein „ich liebe dich" in Richtung des anderen überhaupt Sinn ergibt. Manchmal ist der ehrlichere erste Schritt, körperliche Symptome ernst zu nehmen, die einem sagen: Hier ist eine Grenze, geh nicht weiter. Der Unterschied zwischen uns beiden ist am Ende genau das: Ist der Mensch, dem der Groll gilt, noch aktiv in deinem Leben, oder lebt er nur noch in deiner Erinnerung? Danach würde ich heute entscheiden, ob ich mit den vier Sätzen überhaupt anfange, oder ob zuerst etwas anderes dran ist.

Der Abend, an dem etwas in mir nachgab
Der eigentliche Wendepunkt kam nicht als große Szene. Es war ein gewöhnlicher Abend Ende August, ich sortierte die letzte Lieferung, eine weiße Anemone zwischen den Fingern, die ich seit Jahren mit Klarheit verbinde. Ohne dass ich es kommen sah, war plötzlich Ingrid da, wie sie kurz vor der Diagnose im Garten saß, und mit ihr die alte, kalte Wut darüber, wie schnell alles gegangen war.
Ich sagte „bitte verzeih mir" – aber diesmal galt es nicht ihr, sondern mir selbst, dafür, wie hart ich mit mir umgegangen war, wie lange ich den Groll wie einen Schutzschild vor mir hergetragen hatte. Etwas in meinen Schultern gab nach, so plötzlich, als würde ein klatschnasses, schweres Tuch endlich von mir herunterrutschen. Zum ersten Mal glaubte ich mir selbst, was ich da flüsterte.
Ich blieb einfach stehen, mitten zwischen den Eimern, und atmete durch. Von Euphorie keine Spur, eher eine leise Müdigkeit, die zum ersten Mal nicht schwer war – so wie man manchmal nach einer schamanischen Sitzung nach Hause fährt und einfach spürt, dass sich im Inneren etwas neu sortiert hat. A TOUCH OF ALOHA hat mir dabei einen Rahmen gegeben, obwohl ich zwischendurch mehr als einmal aufhören wollte – ungefähr so, wie ein großes Gesteck mittendrin oft schief und viel zu voll aussieht, bis der Moment kommt, in dem man einen Schritt zurücktritt und das Ganze plötzlich stimmt.
Fertig bin ich nicht
Ganz „fertig" bin ich damit nicht, und ich glaube auch nicht, dass man mit Trauer und Groll jemals fertig wird. Aber der Raum in mir, der nach Ingrids Tod so leer und kalt war, hat wieder ein Fenster. Es zieht nicht mehr so schneidend hindurch. Wenn ich mein Moleskine aufschlage und die gepresste Ranunkel von letzter Woche betrachte, weiß ich: Vergebung ist für mich keine Leistung, sondern ein langsames Weichwerden, Satz für Satz, Sonntag für Sonntag.
Falls du selbst gerade mit altem Groll ringst: Schau dir das Programm von Thomas Young ruhig an, wenn dich der hawaiianische Rahmen nicht abschreckt – es ist kein Wundermittel, aber eine liebevolle Begleitung, die mir eine Struktur gegeben hat, die ich allein nicht gefunden hätte. Und falls du merkst, dass du eher eine langsamere, weiblich getragene Begleitung brauchst, gibt es von ihm auch das POWER OF LOVE Jahresprogramm mit seinen dreizehn Clanmüttern – für mich vielleicht eher etwas für später, wenn die ersten Wunden schon vernarbt sind.
Gleich wecke ich Zwetschge, bevor sie die ganze Nacht verschläft, und setze Tee auf. Der Nieselregen über dem Viertel wird leiser. Vielleicht wird morgen ein guter Tag für die Anemonen im Laden.
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