Ich stelle mir öfter, als mir lieb ist, die Frage, wie oft ich mir in dieser Woche wirklich erlaubt, fünf Minuten lang nichts zu leisten - meistens am Bindetisch, zwischen einer Lieferung Eukalyptus und dem nächsten Kunden, der schon wartet. Seit meine Mutter Ingrid im März 2024 starb, weiß ich, dass Trauerbewältigung sich nicht in einen ordentlichen Terminkalender einfügt, sie drängt sich in einen Berufsalltag, der dafür eigentlich keinen Platz vorgesehen hat. Ich habe deshalb angefangen, mir diesen Platz bewusst zu nehmen: mit einer spirituellen Ausbildung, mit der Erfahrung eines Frauenkreises in Worpswede und mit kleiner, oft unbequemer Selbstfürsorge im Beruf, die ich mir sonst nie erlaubt hätte.
Kurz vorweg: Ich bin keine Ärztin, keine Therapeutin und keine Heilpraktikerin. Was ich in diesem Text teile, sind persönliche Erfahrungen mit einer Ausbildung, die ich selbst bezahle und besuche. Führt dich ein Link hier zu einem Anbieter und du buchst etwas, bekomme ich eine Provision - für dich ändert sich am Preis nichts. Bei schwerer Trauer oder wenn die Seele wirklich krank ist, gehört der erste Schritt immer zu einer ausgebildeten Fachperson, nicht zu meinem Notizbuch.
Selbstfürsorge im Laden, nicht im Wellnesshotel
Wir kennen die Ratschläge aus den Hochglanzmagazinen: ein Wellnesswochenende, eine Stunde Meditation vor der Arbeit. Als Floristin mit eigenem Laden im Bremer Viertel muss ich bei so etwas fast lachen. Ein „vor der Arbeit" existiert bei mir nicht -- da gibt es nur das frühe Aufstehen und die Hoffnung, dass Zwetschge, meine alte Katze, mich nicht schon um fünf weckt.
Für viele Frauen, die zu mir in den Laden kommen, ist das nicht anders. Alleinerziehende, Frauen in Vollzeitjobs, für die ein Wochenende im Kloster schlicht nicht drin ist. Selbstfürsorge im Beruf heißt für mich deshalb nicht Rückzug, sondern etwas, das zwischen zwei Kunden passiert, während meine Hände ohnehin beschäftigt sind.
Wo hole ich mir die Lücken?
Manchmal ist es ein kurzer Spaziergang durch den Bürgerpark, bevor ich den Laden aufschließe -- der Spaziergang selbst ist für mich eine Form von Erdung, bevor ich zurück an den Bindetisch gehe. Einen eigenen Ritualplatz zu Hause habe ich nicht eingerichtet, aber der Bindetisch wird für ein paar Minuten am Tag zu genau so etwas. Öfter ist es die Entscheidung, trotz Zeitdruck an einem Schamanismus-Programm teilzunehmen, das mich zwingt, einmal im Monat nach Worpswede zu fahren oder mich abends vor den Laptop zu setzen.
Seit Februar bin ich in einem strukturierten Online-Programm, dem POWER OF LOVE [Jahresprogramm]. Der monatliche Betrag strapaziert mein Budget wirklich, und ich habe lange gezögert. Aber ohne eine gewisse Verbindlichkeit mache ich es einfach nicht. Das Programm arbeitet mit den 13 Clanmüttern, jede für einen anderen Aspekt des Frauseins und der Heilung -- was ich dort lerne, bleibt nicht in Worpswede oder am Laptop, es sickert in den Alltag im Laden, in die Art, wie ich Wasser wechsle oder Stiele schneide.
Wein half -- bis er es nicht mehr tat
Nicht jeder Versuch, mit der Leere umzugehen, war klug. Über mehrere Monate habe ich abends ein Glas Wein getrunken, wenn die Leere zu groß wurde -- und eine Weile hat das tatsächlich funktioniert. Irgendwann funktionierte es nicht mehr. Der Raum in mir wurde dadurch nicht kleiner, nur betäubter, und am nächsten Morgen war er wieder da, unverändert.
Das war der Punkt, an dem mir klar wurde: Ich brauche kein Mittel, das die Leere überdeckt, sondern etwas, das mir hilft, sie auszuhalten. Mich mit Trauer im Körper spüren und emotionale Blockaden im Alltag sanft lösen zu beschäftigen, kam nicht zufällig genau in der Phase, in der der Wein aufgehört hat zu helfen.
Was am Bindetisch plötzlich anders war
Es gab eine Woche im Programm -- ungefähr die zehnte --, die ich nicht vergessen werde, nicht weil etwas Dramatisches passiert ist, sondern weil so wenig passiert ist. Ich stand am Bindetisch, habe leise vor mich hin gesummt, ein altes Lied, das meine Mutter oft gesummt hat, ohne dass ich in dem Moment bewusst an sie gedacht hätte. Und zum ersten Mal seit Monaten tat es nicht weh.
Keine Träne, kein Kloß im Hals, nur das Summen und meine Hände, die weiterarbeiteten. Bemerkt habe ich das kaum in dem Moment selbst. Erst am Abend, beim Schreiben, ist mir aufgefallen, dass da etwas fehlte, das sonst fast immer da war.
Inke Glandorf, eine Stammkundin aus der Trauerfloristik, setzte sich am nächsten Tag wie so oft für einen Moment einfach in den Laden, ohne viel zu sagen. Ich habe ihr nichts von dem Summen erzählt. Manche Dinge bleiben besser für einen selbst.
Warum der Frauenkreis in Worpswede mich hält
Einmal im Monat, samstags, sitze ich mit anderen Frauen im Kreis in Worpswede. Lore Ahlers sitzt seit dem allerersten Mal neben mir -- sie kommt aus Verden an der Aller, fährt immer mit dem eigenen Auto, und während der Trommelreisen ist sie fast unheimlich still. Danach, beim Tee, lacht sie dafür umso mehr, über Dinge, die eigentlich gar nicht so lustig sind.
Nicht das Zuviel selbst ist für mich das Problem -- die Kunden, der Laden, die Rechnungen, die Trauer, die manchmal ohne Vorwarnung wiederkommt. Das Problem ist, wenn ich dem nichts entgegensetze. Der Frauenkreis, das Programm, der Samstagvormittag im Bürgerpark sind für mich genau das: ein Raum, den ich mir abgrenze, gegen eine Woche, die mir sonst alles nimmt.
Sonntagabends sitze ich mit meinem Notizbuch am Küchentisch, während Zwetschge irgendwo in der Wohnung schläft, und schreibe zwei Seiten, manchmal nur drei Sätze. Was genau ich dabei über das Loslassen lerne, notiere ich lieber dort als hier -- das was meine alte Katze mir über das Loslassen und den Moment beibringt gehört ohnehin eher in einen anderen Text als in diesen.
Auf meine Frage von vorhin habe ich immer noch keine fertige Antwort für dich. Vielleicht ist das auch gar nicht der Punkt. Was ich weiß: Die großen Auszeiten, für die ich weder Zeit noch Geld habe, brauche ich gar nicht. Ich brauche eine Struktur, die mich hält, während ich weiterarbeite -- für mich ist das gerade das POWER OF LOVE Programm. Wenn dein Alltag dich gerade erdrückt, sieh es dir in Ruhe an, aber höre vor allem auf dein eigenes Bauchgefühl, so wie ich es an jenem Augusttag in Worpswede getan habe -- und schaff dir, egal wie klein, deinen eigenen Raum zwischen den Aufgaben, die sowieso nicht weniger werden.
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