
Ich weiß, an welcher Stelle ein Rosenstiel nachgibt, kurz bevor er bricht. Bis vor kurzem wusste ich nicht, an welcher Stelle in mir selbst etwas nachgibt, bevor die Tränen kommen. Zwischen der Verbindung zu meinem Körper und einer Trauerbewältigung, die ich nie wirklich geübt habe, hat mich diese spirituelle Ausbildung gepackt – und mit ihr eine Form von Selbstliebe, die ich früher für überflüssig gehalten hätte.
Seit einiger Zeit führe ich ein Notizbuch, in das ich presse, was mich trifft – eine Anemone für Klarheit, eine Pfingstrose für die großen Momente, ein Zweig Eukalyptus für die Wochen, die schwer waren. Es ist kein Beweis für irgendetwas. Es ist nur eine Art, mit den Händen festzuhalten, was der Kopf sonst wegschieben würde.
Fünf Sitzungen bei einer Trauertherapeutin liegen hinter mir, aufgeschrieben irgendwo in einem Ordner, den ich nie wieder aufgemacht habe. Ich habe brav geantwortet, wenn sie fragte, wie es mir gehe, aber irgendwann hat sich jede Sitzung angefühlt wie ein Protokoll, das abgehakt werden muss. Nach der fünften habe ich abgesagt und nicht wieder angerufen. Falsch war das nicht, was sie getan hat – nur war es nichts, worüber mein eigener Körper mit mir sprechen wollte.
Der Körper spricht zuerst
Jede kleine Verletzung ist dem Bindetisch vertraut, auch wenn ich selbst sie mir sonst nicht erlaube zu spüren. Draht schneidet in die Fingerkuppen, kaltes Blumenwasser brennt in den Rissen, und normalerweise klebe ich ein Pflaster drauf und mache weiter. In einer der ersten Körperwahrnehmungsübungen der Ausbildung soll ich genau das Gegenteil tun: nichts bewerten, nichts wegdrücken, nur spüren. Dabei merke ich zum ersten Mal seit Jahren, wie viele kleine Schmerzen meine Hände tragen, ohne dass ich sie je registriert habe.

Vor ein paar Tagen fand ich in einer alten Schublade am Bindetisch eine Postkarte von Ingrid. Zum ersten Mal habe ich ihre Handschrift gelesen, ohne wegzuschauen, ohne die Augen schnell zu einer Bestellung oder einem Kunden wandern zu lassen. Meine Brust wird eng, dann warm, dann beides gleichzeitig – ein Gefühl, das ich früher sofort mit einem Griff zum Telefon oder zur nächsten Rechnung weggeschoben hätte. Ich beginne zu verstehen, dass ich Trauer im Körper spüren und emotionale Blockaden im Alltag sanft lösen kann, wenn ich aufhöre, mich dagegen zu wehren.
Warum die Trommel ehrlicher ist als Worte
Die Trommel in meinem Wohnzimmer klingt anders als jedes Instrument, das ich vorher besessen habe. An einem Abend, an dem ich eigentlich nur meine Ahnen um Rat fragen wollte, hat mein Körper stattdessen mit einem Zittern in den Knien reagiert, das nichts mit Kälte zu tun hatte. Ich habe aufhören müssen zu trommeln, weil meine Beine sich wie Wackelpudding angefühlt haben, und ich bin auf dem Dielenboden sitzen geblieben und habe geweint, bis nichts mehr kam. Etwas hat sich in diesem Moment bewegt, ein Damm aus all den Monaten, die ich ordentlich in meinen Muskeln verstaut hatte.
Eine Ärztin bin ich nicht, keine Psychotherapeutin auch nicht – nur eine Floristin, die versucht, ihrem eigenen Körper wieder zuzuhören. Wer selbst unter schwerer Trauer oder Depressionen leidet, sollte zuerst mit einem Hausarzt oder einer approbierten Therapeutin sprechen. Diese Ausbildung ersetzt das nicht. Sie begleitet höchstens, was ohnehin schon spürbar war.
Roswitha, die seit Jahren freitags in den Laden kommt, bringt mir an schweren Tagen selbst gebackene Schmalzkekse vorbei, ohne dass ich je danach fragen müsste.
Grenzen der Selbstbeobachtung
Eine Pfingstrose, die gerade ihre Blätter verliert, bringt mich neulich zum Grübeln, warum ich ausgerechnet heute keine Liebe in meinem linken Zeh spüre. Es ist absurd, und ich weiß es in dem Moment auch. Die Ausbildung ermutigt uns, jede kleine Regung zu beobachten – was macht das Herz, wie fühlt sich der Magen an, wo sitzt die Anspannung –, aber diese ständige Konzentration kann den eigenen Prozess genauso gut blockieren, wie sie ihn öffnet.
Wer den Fokus zu starr auf sich selbst richtet, verliert die Verbindung zum großen Ganzen. Meine Schamanin in Worpswede, diesem Dorf mitten im Teufelsmoor, sagt oft, der Körper sei ein Gefäß, kein Gefängnis. Wie beim Binden eines Straußes darf man nicht nur auf die eine welkende Blume starren, sondern muss das ganze Arrangement im Blick behalten.

Zwei Wege, den gleichen Körper zu spüren
Trude, mit der ich seit einiger Zeit schreibe, lebt in Freiburg, meditiert jeden Tag und würde doch nie eine Trommel anfassen. Was im Kurs Erdung heißt, kenne ich eher über nasses Blumenwasser als über ein Meditationskissen. Manche in der Gruppe arbeiten gerade viel mit Chakren, andere schärfen bewusst ihre Hellsinne, wieder andere üben sich in Herzöffnung oder in energetischem Schutz für besonders dünnhäutige Tage – Themen, die ich hier nur streife, weil mein eigener Fokus gerade ganz auf dem Körper liegt, nicht auf der Schattenarbeit, mit der sich andere in der Gruppe gerade beschäftigen. Ob mit Trommel oder mit Meditation – ich verstehe inzwischen besser, warum ich mir bewusst Raum für Heilung im stressigen Berufsalltag schaffe, auch wenn der Laden ruft.
Was am Bindetisch bleibt
Gestern kam eine Kundin für einen Trauerstrauß, und früher hätte ich das professionell abgearbeitet – weiße Lilien, Schleierkraut, das Übliche. Während ich die Stiele in der Hand hielt, habe ich eine Wärme im Brustkorb gespürt, die ich vorher nicht kannte. Keine Blume habe ich nur arrangiert, jede habe ich gefühlt.
Zwetschge schläft quer über meinem Notizbuch, wenn ich abends schreibe, und manchmal presse ich am nächsten Tag eine Anemone zwischen die Seiten – nicht um etwas zu reparieren, sondern weil es mir zeigt, dass ich den Abend überhaupt bemerkt habe.
Mein Rat, falls du selbst spürst, dass dein Körper zu lange auf Funktionieren gestellt war: achte weniger darauf, ob eine Übung esoterisch genug klingt, und mehr darauf, ob sich dein Atem danach verändert hat oder nicht. Das ist für mich inzwischen das einzige Zeichen, dem ich traue.
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