
Eukalyptus riecht kühler als jede andere Pflanze in meinem Laden, fast ätherisch, fast wie Medizin. Ich kürze die Stiele für einen Kranz und denke zum ersten Mal seit Wochen nicht an Ingrid, sondern an das, was die hawaiianische Weisheit Mana nennt, die Energie, die angeblich in jeder Pflanze steckt. Pflanzenenergie spüren, das klingt für eine Floristin, die seit Jahren mit nassen Händen arbeitet, fast vermessen. Aber genau darum geht es in der spirituellen Ausbildung, die mich seit diesem Frühjahr begleitet, und genau darum geht es, wenn meine eigene Trauerbewältigung ganz anders aussieht, als ich erwartet hatte.
Bevor ich weitererzähle, kurz der Hinweis, der mir wichtig ist: Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung einer Ausbildung, die ich selbst gebucht und bezahlt habe. Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links – kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich bin Floristin, keine Ärztin und keine Therapeutin. Wenn es dir psychisch sehr schwer geht, wende dich bitte an deinen Hausarzt oder eine approbierte Psychotherapeutin. Hier findest du meine vollständige Offenlegung.
Die Routine ist brüchig geworden, seit Ingrid nicht mehr da ist
Seit dem Tod meiner Mutter Ingrid im März 2024 ist etwas in meiner Arbeit anders. Früher waren Blumen für mich wunderschönes Material – lebendig, aber eben Ware, die ich binde, verkaufe, neu bestelle. Ich dachte, ich wüsste, was Trauer bedeutet, schließlich stehe ich jeden Tag an Kränzen und Trauergestecken. Doch das Loch, das nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs blieb, nach den sieben Wochen, die uns noch gegeben waren, war anders als jede Trauerfloristik, die ich je gebunden habe.
In der hawaiianischen Tradition gibt es den Begriff Mana – eine Kraft, die angeblich in allem steckt, besonders in Pflanzen. Ich frage mich oft, ob ich nach all der Zeit im Laden überhaupt noch empfänglich dafür bin, oder ob mein Beruf längst zu reiner Logistik geworden ist, zu kaltem Wasser an den Handgelenken. Und doch, wenn im Kühlraum die Lilien aufgehen, liegt für ein paar Minuten ein kaum merklicher, fast luftiger Süßhauch zwischen den Eimern, den ich früher nie bewusst wahrgenommen habe. Genau hier setzt A TOUCH OF ALOHA an, das Programm von Thomas Young, der nach eigener Aussage seit über zwanzig Jahren Menschen auf diesem Weg begleitet – mit Huna-Lehren, die ich noch kaum verstehe, aber auf eine stille Art zu spüren beginne.

Wenn die Leere abends am größten wird
Abends, wenn der Laden zu ist und die Wohnung zu still wird, war diese Leere lange am größten. Eine Zeit lang habe ich mir dann ein Glas Wein eingeschenkt, wenn es zu viel wurde. Es half, bis es irgendwann nicht mehr half. Keine dramatische Einsicht brachte mich davon weg, nur die Erfahrung, morgens müder aufzuwachen statt leichter. Eine Stammkundin erzählte mir von einer Frau in Worpswede, die einen kleinen Kreis leitet, und ich bin fast aus Verzweiflung das erste Mal hingefahren.
Samstage in Worpswede, zwischen Trommel und einer Frage ohne Antwort
Worpswede liegt mitten im Teufelsmoor, eine knappe Autostunde von Bremen entfernt, und seit Anfang 2025 fahre ich an einem Samstag im Monat dorthin. Lore Ahlers, mit der ich inzwischen jedes Mal zusammen hinfahre, stellt mir manchmal Fragen, auf die ich wirklich keine Antwort habe – neulich auf der Rückfahrt, ob eine Blume merkt, wenn man sie mit Absicht bindet statt nebenbei. Ich habe nur geschwiegen und auf die Straße vor uns geschaut. Im Kreis trommeln wir, reisen, sitzen einfach zusammen, acht Frauen und eine Trommel, die herumgeht – kein Zertifikat, kein Kursplan, nur das.
Zuhause versuche ich, zwischen den Samstagen weiterzuarbeiten, nicht immer mit Erfolg. Ich habe mich oft gefragt, wie eine spirituelle Ausbildung neben dem Vollzeitjob überhaupt funktionieren soll, ohne dass man irgendwann ausbrennt. Letzte Woche wollte ich abends eine Übung zur Ahnenarbeit machen, während Zwetschge quer über mein Notizbuch lief und sich mitten auf die aufgeschlagene Seite legte. Ich war genervt, kam gegen das Schnurren nicht an und habe die Übung schließlich abgebrochen. Vielleicht war die Katze in diesem Moment wichtiger als eine erzwungene Reise zu meinen Vorfahren – im Kurs nennen sie das „Pono", richtig im Sinne von im Einklang, aber in dem Moment fühlte es sich einfach nach Aufgeben an.
Mitten in dieser Woche kommt Inke Glandorf in den Laden, wie sie es seit Jahren zu jedem Jahrestag tut, und bestellt Pfingstrosen für das Grab ihres Vaters. Sie sagt nichts Erklärendes, nie, aber die Art, wie sie die Blüten später in Empfang nimmt, beide Hände darunter, als könnten sie zerbrechen, gibt mir jedes Mal das Gefühl, dass das, was ich hier tue, einen Sinn hat. Mehr brauche ich an solchen Nachmittagen nicht.

Eine Postkarte in der alten Schublade, vierte Woche
Vierte Woche im neuen Online-Programm, und ich räume die alte Kommode in meinem Flur auf, eigentlich nur, weil eine Schublade klemmt. Zwischen alten Rechnungen liegt eine Postkarte von Ingrid, eine, die ich komplett vergessen hatte. Ich lese ihre Handschrift, ohne wegzuschauen, zum ersten Mal seit ihrem Tod, Zeile für Zeile, bis zum Ende. Das war kein großer spiritueller Durchbruch, eher ein kleiner, fast banaler Moment, aber danach konnte ich wieder arbeiten, ohne dass die Trauer gleich alles überzog.
Am nächsten Arbeitstag presse ich eine Anemone zwischen die Seiten meines Moleskine, so wie ich es inzwischen öfter mache, wenn mich ein Moment besonders trifft. Nicht jede Blume bedeutet für mich dasselbe, aber das genauer zu erklären würde hier zu weit führen. Wenn ich abends die Augen schließe und versuche, das hawaiianische Konzept von Mana wirklich in meinen Alltag zu holen, fühlt sich das manchmal wie Kommunizieren an, nicht wie Verkaufen. Mehr als zwanzig getrocknete Blüten liegen inzwischen zwischen den Seiten, manche kaum noch wiederzuerkennen.

Meine Gründe für Hawaii und Thomas Young
Ich habe mich für A TOUCH OF ALOHA entschieden, weil die Klarheit von Thomas Young mich angesprochen hat, nicht wegen der Insel-Romantik. Er wirkt wie jemand, der nicht nur Konzepte wiedergibt, sondern selbst lange auf diesem Weg unterwegs ist. Dass das Programm noch jung ist und wir zu den ersten Teilnehmerinnen gehören, macht es nicht einfacher – es gibt kaum Erfahrungsberichte, an denen ich mich orientieren könnte.
Herausfordernd ist vor allem, dass alles online läuft. Mir fehlt manchmal der direkte Kontakt zum Frauenkreis in Worpswede, den ich ja weiterhin einmal im Monat besuche, und manche Woche frage ich mich ehrlich, ob ich mir dieses Programm finanziell überhaupt leisten sollte. Trotzdem bleibt die feste Struktur ein Anker, so wie ständiges Gießen eine Pflanze am Leben hält, ohne das verdorrt auch die beste Verbindung.

Sonntagabends sitze ich am Küchentisch, Zwetschge liegt daneben, und ich schreibe meine zwei Seiten ins Notizbuch, manchmal nur drei Sätze. In einer dieser Sitzungen erzählte mir eine Frau aus dem Frauenkreis beiläufig von POWER OF LOVE, einem anderen Programm desselben Anbieters, bei dem dreizehn Clanmütter durch ein ganzes Jahr begleiten. Für mich war im Moment die hawaiianische Leichtigkeit wichtiger, aber ich mag, dass es diesen anderen Weg für sie gegeben hat.
Am Ende bleibt ein Strauß, kein fertiges Bild
Wenn ich einen Strauß binde, trete ich am Ende immer einen Schritt zurück, um zu sehen, ob die Proportionen stimmen. Genauso fühlt sich gerade mein Leben an. Ich bin mitten im Prozess, oft zweifelnd, oft müde von der Arbeit mit Erde und Wasser. Aber etwas ist heilbar geworden – nicht die Trauer selbst, die bleibt wohl immer ein Teil von mir, sondern die Art, wie ich mit dem leeren Raum in mir umgehe.
Pflanzenenergie ist für mich kein Schalter, den man einfach umlegt, sondern eine Einladung, genauer hinzuschauen. Wenn dich dein Berufsalltag manchmal von deiner eigenen Kraft abzuschneiden scheint, ist dieser hawaiianische Weg vielleicht auch für dich ein Anfang – schau dir in Ruhe an, ob die Form zu dir passt, und hör dabei auf dein eigenes Bauchgefühl. Vielleicht hilft es dir auch, einmal Trauer im Körper zu spüren und sie sanft über die Arbeit mit Pflanzen zu lösen.
Ich zünde jetzt noch eine Kerze für Ingrid an und lege eine Blüte ins Buch. Morgen früh läutet die Glocke wieder, und ich werde da sein, mit nassen Händen und einem Herz, das langsam neu lernt, Aloha zu sagen.
Alles Liebe aus Bremen,
Helene
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